Den Germanistikstudenten ist er bislang vor allem durch seine munteren und spaßigen E-Mails ein Begriff, denn zum Semesterbeginn verschreibt er gern mal Franz Schubert zur Stärkung der Nerven ängstlicher Studenten, die vor dem komplizierten Einschreibeverfahren kapitulieren. student!-Redakteur Knut Holburg sprach mit Hans-Jörg Schulze über Internet-Einschreibung, Hilfe zur Selbsthilfe und darüber, was er eigentlich in Leipzig macht.

(Hans-Jörg Schulze - Foto: Ina Müller)
student!: Was zählt zu deinen Aufgaben als studentische Hilfskraft in der Germanistik?
Schulze: In erster Linie kümmere ich mich um die Einschreibungen der Germanisten, verwalte sie innerhalb der modularisierten Studiengänge, trage sie in die Prüfungslisten ein und versuche, bei rund 900 eingeschriebenen Studenten, nicht den Überblick zu verlieren. Und für studentische Anliegen bin ich mit über 1100 bearbeiteten E-Mails zusätzlich auch der große Kummerkasten-Onkel. (lacht)
student!: Ist das nicht eine enorme Verantwortung für eine Hilfskraft?
Schulze: Wenn ich morgen von einer Rockerbande vom Fahrrad geschossen werde, hat die Leipziger Germanistik ein Problem. (lacht) Vor allem eben, weil ich das Einschreibesystem der Germanistik allein und autodidaktisch eingerichtet habe und auch leite. Da es etwas Vergleichbares an anderen Instituten nicht zu geben scheint, ist das sozusagen mein großes Alleinstellungsmerkmal.
student!: Du giltst sogar als die rechte Hand von Karin Hämmer, der ehemaligen Institutsleiterin. Wie kam es zu alldem?
Schulze: Mit der Einführung des Bachelor war die Zahl der neuen Studenten noch übersichtlich, sodass Karin Hämmer und ihre Mitarbeiter da noch problemlos mit Excel-Tabellen arbeiten konnten. Da es aber schnell immer mehr wurden, war diese Art der Organisation irgendwann der reine Wahnsinn. Und nicht nur die Einschreibungen selbst, sondern auch die vielen Modul- und Seminarwechsel während des Semesters mussten zusätzlich bewältigt werden. Nach meiner Übernahme der Stelle und der Einrichtung des Systems konnten wir das dann erst wirklich vernünftig verwalten.
student!: Man findet dich auf den Webseiten der Universität nirgendwo offiziell vermerkt. Wusstest du das?
Schulze: Das ist auch so gewollt. Ich sehe mich da lieber als die graue Eminenz im goldenen Supportersclub.
student!: Noch bist du ja ebenfalls Student. Wie schauen deine Zukunftspläne aus?
Schulze: Seit 2005 studiere ich Deutsch und Ethik auf Lehramt für die Mittelschule. Bald werde ich dann hoffentlich mein Staatsexamen machen. Würde man mir eine Festanstellung anbieten, um meine Arbeit hier fortzuführen, würde ich auch bleiben. Doch danach sieht es im Moment nicht aus, weshalb ich wohl in Leipzig als Mittelschullehrer arbeiten werde.
student!: Eine berühmt-berüchtigte Frage: Warum Germanistik?
Schulze: Ja, die Frage, meist verbunden mit „Was willst du später damit machen?“ ist wirklich problematisch. Die implizite Voraussetzung der wirtschaftlichen Verwertbarkeit von akademischem Wissen, finde ich, ist ein Grundübel, vor allem in der Geisteswissenschaft. Warum kann man sowas nicht einfach für sich selbst machen, und nur für sich selbst - nicht für die Gesellschaft oder einer Illusion der Arbeit später? Abgesehen davon passt bei mir wohl eher: Warum Lehramt? Weil ich glaube, dass es einer der am meisten vernachlässigten Bereiche der Gesellschaft ist. Weil Lehrer wichtig sind, die mit Begeisterung vermitteln und den Lehrstoff auch nicht zum allein seelig-machenden erklären.
student!: Wie erklärst du dir die jedes Semester neu aufkommende Panik bei den Einschreibungen?
Schulze: Der junge Abiturient, der hier an die Uni kommt, ist prinzipiell erstmal allein und steht einem kaum zu überschauenden Universitätssystem gegenüber. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur selbstständigen Informationsbeschaffung. Das wird in der Schule ja leider nicht vermittelt. Die erwartete Selbstständigkeit an der Uni lässt in einer Gesellschaft, die Fehler nur sehr schwer verzeiht, logischerweise Angst entstehen. Das ist dann aber keine Angst, die Mut macht, sondern hemmt und lähmt, eine Angst davor irreversible Fehler zu machen.
student!: Wie ließe sich diese Angst bekämpfen?
Schulze: Man muss den Studenten helfen, sich selbst zu helfen. Das Problem ist auch jene Einzelkämpfermentalität, die zur Zeit gesellschaftlich herrscht. Darin sehe ich eine Gefahr, wenn dies weiter übernommen und tradiert wird. Außerdem ist dieses Obrigkeitsdenken nicht hilfreich. Hier sind Lernberechtigte und Lehrberechtigte, aber wir sind alle Mitglieder der Universität.
student!: Was war die bemerkenswerteste E-Mail, die du je bekommen hast?
Schulze: Es kam schon mal vor, dass ich wegen E-Mails, die ich über den Verteiler schickte und die immer wieder zurück kamen, beim Prüfungsamt nachfragte und erfuhr: Exmatrikuliert, Todesfall. Das ging mir sehr nahe, vor allem als ich erfuhr, dass es sich um einen Suizid handelte. Man sollte immer bedenken, dass es auch Menschen gibt, die sich überfordert fühlen, Angst haben oder auch depressiv sind. Das will ich immer im Hinterkopf behalten. Deswegen ist es, glaube ich, auch nicht schlecht, wenn ich mit meinen E-Mails versuche etwas Angst und Stress von den Studenten zu nehmen, auch mal ein paar Späße einbaue oder aus Jux Musik an die Mail anhänge.
student!: Was würdest du Mitstudenten noch abschließend ans Herz legen wollen?
Schulze: Wer nicht fragt bleibt dumm! Fragen, fragen, fragen und über das Fragen lernen, wie man die Leute nicht mehr fragen muss, sondern die Informationen selbstständig beschaffen kann. Und immer dran denken: Es ist nur ein Studium. Ein Kind, das krank ist, ist viel schlimmer.