Denkt man an ein Studium bei der Bundeswehr, fallen einem zuallererst Begriffe wie Gehorsam, Gleichschritt und Disziplin ein. Doch wie viel Militarismus steckt eigentlich im studentischen Alltag an den beiden Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München? Sind die zu absolvierenden sieben Trimester bis zum Bachelor-Abschluss straff durchorganisiert oder bleibt Zeit, der studentischen Freiheit zu frönen? Ich war selbst Soldat der Bundeswehr, habe dann aber ein Studium an der Universität Leipzig begonnen. Als aktiver Einsatzreservist frage ich mich manchmal, was mir entgangen ist, als ich mich für ein ziviles Studium entschied.
Als 1973 die beiden Universitäten der Bundeswehr gegründet wurden, verfolgte die Bundesrepublik Deutschland das Ziel, Offiziere akademisch nach dem Bedarf der Bundeswehr auszubilden. Gleichzeitig sollten die Absolventen auch den Anforderungen des zivilen Arbeitsmarktes genügen. Diese Maßnahme geht auf die Initiative des damaligen Verteidigungsministers Helmut Schmidt zurück. Zu seinen Ehren trägt der Hamburger Standort seit 2003 den Namen Helmut-Schmidt-Universität. Alle Kommilitonen absolvieren ihr Studium in sogenannten Trimestern, was zwar größeren Arbeitsaufwand bedeutet, aber international anerkannt ist. Das bedeutet, dass ein Kalenderjahr in drei Lernabschnitte unterteilt ist, statt in zwei Semester. Neben nahe liegenden Fachrichtungen wie Maschinenbau und Politikwissenschaft können an den Bundeswehrunis zum Beispiel auch Geschichte oder Erziehungswissenschaften studiert werden.
„Ziel ist es, die Regelstudienzeit für den Bachelor-Abschluss auf drei Jahre beziehungsweise auf vier für den Master-Abschluss herabzusetzen, um eine möglichst schnelle Absolvierung des Studiums zu gewährleisten“, so Michael Brauns, Pressesprecher der Bundeswehruniversität München gegenüber student!. Während des Studiums bekommen alle Studenten der Bundeswehr ihrem Dienstgrad entsprechende Bezüge weiter gezahlt. Dies soll gewährleisten, dass sich alle auf ihr Studium konzentrieren können und nicht auf Nebenjobs oder Bafög angewiesen sind. Allgemein steht ein reibungsloser studentischer Alltag im Vordergrund, um ein möglichst breites Wissensspektrum zu vermitteln.
Trotz aller Vorzüge drängt sich dem aufmerksamen Beobachter die Frage nach den Nachteilen auf. Mit welchen Widrigkeiten muss man rechnen? Die Probleme fangen oftmals bereits bei den Zugangsvoraussetzungen an. Diese bestehen neben der allgemeinen Hochschulreife auch aus einer Prüfung an der Offiziersbewerberprüfungszentrale in Köln. Die Regelverpflichtungszeit als Zeitsoldat, die man für ein Studium in Kauf nehmen muss, beträgt 13 Jahre.
Hinzu kommt die Belastung durch die erwähnte Trimesterplanung. „Wenn es durch Überforderung zu einer Exmatrikulation kommt, haben die Soldaten in der Regel noch ein Dienstjahr und werden dann aus der Bundeswehr entlassen“, so Brauns. Um einer solchen Überforderung entgegen zu wirken und gleichzeitig einen Ausgleich zum stressigen Alltag zu schaffen, bieten beide Universitäten der Bundeswehr verschiedene Projekte an, unter anderem einen „Deutsch-Amerikanischen Arbeitskreis“.
Auf die Frage, was den besonderen Reiz eines Studiums bei der Bundeswehr ausmache, meinte Brauns: „Die Universitäten der Bundeswehr sind Campusuniversitäten mit kurzen Wegen und realisieren das Kleingruppenprinzip.“
In der Tat wird die Gruppengröße von 25 Studenten pro Lehrveranstaltung nicht überschritten, obwohl zur Zeit rund 6000 Soldaten an beiden Universitäten immatrikuliert sind. Im Gegenteil, seit 2000 sind auch zivile Studenten, in der Regel Industriestipendiaten, für ein Studium bei der Bundeswehr zugelassen. Dies geschehe, „um eine noch bessere Vernetzung mit der Industrie zu ermöglichen und freie Studienplätze sinnvoll zu nutzen,“ erklärt Brauns. Das Studium im Flecktarn hat also kaum etwas mit der Grundausbildung zu tun.
Kein stundenlanges Strammstehen auf dem Appellplatz, kein militärischer Drill ist durchzustehen und keine Hindernisbahn zu überwinden. Die Bundeswehr nehme kaum Einfluss auf den studentischen Alltag, allein der Mittwochnachmittag sei für militärische Veranstaltungen reserviert - zum Beispiel Beförderungen, versichert der Pressesprecher.
Schaut man sich zivile Universitäten an, erfährt man von einer ganz anderen Art der Verbundenheit zum Militär. Hier stellen Reservisten die Brücke zwischen Gesellschaft und Bundeswehr da und sei es nur, um mit Hilfe von Wehrübungen auf ungewöhnlich Art das eigene Studium zu finanzieren.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal freiwillig als Reservist melden würde. Vor allem nicht, wenn ich an die ersten Tage meiner Grundausbildung denke. Das Umfeld, die Kameraden und allen voran die Ausbilder waren mir ein wenig suspekt“, sagt beispielsweise Tom Seyfart. Er studiert Umweltwissenschaften in Greifswald. Nichtsdestotrotz entwickelt sich oft ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl, das manch einer über den aktiven Dienst hinaus als verpflichtend ansieht. Für eben jene gibt es bei der Bundeswehr eine Offizierslaufbahn außerhalb des Wehrdienstes. Diese zieht sich über mehrere Jahre und diverse Dienstgrade.
Trotz der zunehmenden Zahl von jungen Frauen und Männern, die in die Laufbahn der Reserveoffizieranwärter eintreten, hat „Reservist sein“ einen öden, meist mit Büroarbeit assoziierten Klang. Dabei verlaufen die zu absolvierenden Wehrübungen recht unterschiedlich und sind an die Fertigkeiten und Einsatzmöglichkeiten jedes einzelnen Übungsteilnehmers gekoppelt.
„Ich bin froh, dass ich die Reservelaufbahn eingeschlagen habe. Zum einen finanziere ich darüber einen großen Teil meines Studiums, zum anderen bietet es mir einen Ausgleich zum stressigen Universitätsalltag“, so Seyfart. Somit ist die Wehrübung eine Art der Studienfinanzierung, die sich von der Mehrheit der Studentenjobs deutlich abhebt. Zwar sind Wehrübungen in der Regel freiwillig und werden erst auf Initiative des Reservisten begonnen, trotzdem kann es bei Bedarf zu einer Einberufung kommen. So waren Ende 2006 unter den 8.400 im Ausland stationierten Soldaten 500 Reservisten. Deshalb sollte man sich der Verpflichtung bewusst sein, auf die man einen Eid geschworen hat.
Neuen Kommentar schreiben