Es ist noch dunkel draußen, als Elli Radinger ihre Ausrüstung, ein Hochleistungsspektiv und Fernglas, in einem Rucksack verstaut und sich Mütze und Handschuhe überzieht. Das Thermometer zeigt minus 30 Grad, als sie durch den Schnee zu ihrem Allradfahrzeug stapft.
Es ist Winter im Yellowstone-Nationalpark. Hierher kommt Radinger mehrmals im Jahr für mehrere Wochen. Während ihres Aufenthalts lebt sie in einer kleinen Hütte am Parkeingang. Die Tage verbringt sie damit, als freiwillige Helferin wilde Wölfe zu beobachten. Die freie Journalistin und Autorin, die in ihrem neusten Buch, „Wolfsküsse - Mein Leben unter Wölfen“, ihre persönlichen Erfahrungen mit den Tieren beschreibt, lebt ihren Traum.
Das war nicht immer so. Nach ihrem Abitur arbeitete sie erst einmal mehrere Jahre als Stewardess. Ihr gefiel es, die weite Welt zu sehen. Doch irgendwann wollte sie „etwas Sinnvolles“ mit ihrem Leben anfangen, wie sie sagt.
Deshalb begann sie ein Jurastudium, das sie zwar interessierte, sich im Alltag aber als nicht zufriedenstellend erwies. Heute meint sie dazu: „Ich erstickte in Akten und quälte mich zu jedem Gerichtstermin. Mir fehlte die Distanz und Härte, um wirklich gut zu sein. Ich war zu sensibel.“
Der Wunsch nach einer Veränderung wuchs. Das Maß war voll, als ihr ein wütender Mandant einen Fernseher durch die Fensterscheibe in ihr Büro warf. Am selben Tag informierte sie der Brief ihres Anwalts über die vollzogene Scheidung. „Jetzt hielt ich den Beweis in den Händen und war frei“, sagt sie.
Radinger brach alle Zelte ab, nahm ihren alten Beruf als Stewardess wieder auf und reiste, so oft es ging, durch Nordamerika. Dort traf sie zum ersten Mal auf Kojoten. Diese sangen sie in den Schlaf. „Für mich war das die schönste Nachtmusik“, so Radinger. Auch wenn Familie und Freunde nicht verstanden, warum sie ein geregeltes Leben mit sicherem Einkommen einfach aufgab, so war sie doch endlich glücklich. Die Kojoten begeisterten Radinger. Sie wollte mehr über die Tiere herausfinden.
Es folgten Bewerbungen um ein Praktikum als Verhaltensforscherin bei Zoos und Wolfsgehegen. So bekam sie schließlich die Zusage vom „Wolf Park“ in Indiana. Dort traf Radinger auf ihren ersten Wolf. Sie beschreibt das Erlebnis mit den Worten: „Seine handtellergroßen Pfoten landeten auf meinen Schultern, seine weißen Reißzähne waren nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich hielt den Atem an, dann leckte er mir mit seiner rauen Zunge mehrmals über das ganze Gesicht. Ich wurde von einem Wolf geküsst!“ Die Faszination ließ sie nicht mehr los, zu groß war die Begeisterung. Doch sie hatte auch Zweifel, ob Handaufzucht und Gehegehaltung der richtige Weg waren, um Wölfe zu erforschen.
Heute beobachtet sie Wölfe in der freien Natur. Seit der Wiederansiedlung der Tiere im Yellowstone- Nationalpark 1995 bis 1996 arbeitet sie dort als freiwillige Helferin im Wolfsprojekt mit. Radinger selbst über ihre Tätigkeit: „ Ich bin von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang in meinem Forschungsgebiet und suche Wölfe. Wenn ich sie gefunden habe, melde ich die Position über Funk unserem leitenden Biologen und beobachte weiter das Verhalten der Tiere. All dies zeichne ich auf und gebe es dann dem Biologen.“
In ihrem Buch spricht sie immer wieder an, wie sehr das Beobachten der Wölfe und die Natur den Menschen verändern. „Erst durch die langjährige Arbeit mit Wölfen verstehe ich ihren Platz und meinen im Ökosystem und wie wichtig sie für unsere Umwelt sind. Jeder ist ein wichtiger Teil eines großen Ganzen.“
Auch zeigt sie an vielen Beispielen auf, wie sozial sich die Tiere innerhalb eines Wolfsrudels verhalten. So kümmern sie sich sehr fürsorglich um die Jungen, aber auch um alte oder kranke Tiere.
Radingers Ziel ist es, mit ihrer Arbeit, ihren Büchern und dem von ihr gegründeten Wolfsmagazin, die Menschen über Wölfe aufzuklären, Vorurteile und Ängste zu nehmen. Denn diese, so sagt sie, seien unbegründet. „Es ist sehr wichtig, mit Menschen in Wolfsgebieten darüber zu sprechen und ihre Ängste ernst zu nehmen, statt sie einfach abzutun.“ Immer wieder werden Wölfe erschossen, weil Viehhalter Angst um ihre Tiere haben - traurige Momente für die Forscherin und ihre Kollegen.
„Das Leben in und mit der Natur hat mich gelehrt, mit dem Tod umzugehen und ihn als Teil natürlicher Prozesse zu betrachten.“ Ihr jetziges Leben würde sie niemals wieder zurücktauschen: „Im Wolf-Park habe ich Wölfe geküsst und Kojoten gestreichelt und in Minnesota mit wilden Wölfen geheult. In Yellowstone schließlich fand ich meine Erfüllung.“
Mehr unter: www.elli-radinger.de
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