Es ist wohl wieder soweit. Die Urban Knitter haben auch in Leipzig den Kampf gegen triste Straßenzüge und hässliche Betonklotze den Kampf aufgenommen. Bewaffnet mit Stricknadel und Wolle haben sie dieses Mal das Geländer am Karl-Heine-Kanal in Wolle eingehüllt, Stab für Stab in allen Regenbogenfarben.
Urban Knitting heißt der Trend, der aus Amerika nun nach Deutschland rüberschwappt. Diese Kunstform, die in ihrer Gestaltungsweise dem Graffitti ähnelt, wurde von der mexikanischen Künstlerin Magda Sayeg ins Leben gerufen. Alles begann damit, dass sie die Türklinke ihres Modeladens „Ray” in Wolle hüllte. Sie fand Gefallen daran, langweilige Alltagsgegenstände mit bunten Farben zu verschönern. 2005 gründete sie die Vereinigung „Knitta Please”, die fortan Straßenschilder, Laternen und Parkuhren mit unfertigen Strickereien versah.
Schnell verbreitete sich der Trend, der, trotz rechtlicher Grauzonen in vielen Ländern, mittlerweile geduldet wird. Schließlich richten die Strickereien im Gegensatz zu gesprayten Motiven keinen Schaden an und sind einfach wieder zu entfernen. Außerdem erfreuen sich viele an der wolligen Verschönerung ihrer Städte.
Trotz der positiven Ressonanz üben die meisten Urban Knitter ihr Hobby nachts aus. Wie die Straßenstrickerin Emmanuelle Barrère der taz erzählt, liegt das vor allem daran, dass sich die Urban Knitter lästigen Passantenfragen entziehen wollen. Außerdem sind die Werke trotz ihrer Harmlosigkeit nicht immer gern gesehen. „Auch wenn mit Urban Knitting nichts beschädigt wird, ist es nicht erlaubt”, so der Züricher Polizeisprecher gegenüber der Zeitschrift „Kulturflaneur”. Trotzdem hat Urban Knitting mittlerweile auch in Schweden, Amerika, Großbritannien und Frankreich Einzug gehalten. Nun finden sich auch in Leipzig die ersten Urban-Knitting-Anhänger, die zum friedlichen Protest gegen die graue Stadtästhetik aufrufen.
Inwieweit die Kunst jedoch politisch oder gar kritisch ist, ist dagegen schwierig zu sagen. Die französische Strick-Guerilla „Collectif France Tricot” hat beispielsweise Strickmuster mit der Aufschrift „Liebe” vor Sexshops angebracht, um gegen die Versüßlichung des Valentinstags zu protestieren, erzählt die Strickerin Barrère der taz. Dennoch geht das Urban Knitting über die Kritik an grauen Städten meist nicht hinaus. Vielmehr geht es darum, kreative Ideen zu entwerfen und sie anderen Urban Knittern via Facebook, Twitter und Co. zu präsentieren.
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