Die Premiere der neuen Inszenierung von Sebastian Hartmann mit dem langen Titel: „Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt (Ich will nicht dass mir jemand sagt welche Rolle ich zu spielen habe!)“ hat für Gesprächsstoff in Leipzig gesorgt. Die Zuschauer kamen zahlreich und einige gingen frühzeitig, als es im zweiten Teil zum Exzess kam, aber der Reihe nach. Zweieinhalb Stunden versprach das Programmheft. Als Einstieg in den Abend bot Hartmann ein Finale an: großes Ensemble auf der Bühne, überdimensionale Requisiten, Pyrotechnik, Konfettimaschine und riesige bunte Bälle, die zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum hin und her gestupst werden.
Die Leitidee der Inszenierung, ein Stück im Stück, das dem Zuschauer den bisweilen chaotischen Theateralltag näher bringen soll, wird zügig etabliert. Ein mutmaßlicher Regisseur (überzeugender Alleskönner: Manuel Harder) unterbricht nach einer „ganz schön schrecklichen Generalprobe“. Die Unterbrechungen setzen sich fort und das ist nicht uninteressant, aber die Reflektionen der Figur des Autors (gewollt lahm: Thomas Lawinky), über die künstlerischen Ansprüche der Theaterleitung, im Vergleich zu den Wünschen des Publikums, fallen recht langatmig aus. Es ist vor allem die gewandte und passende Musik von Steve Binetti, die die Szenen zusammen und den Zuschauer atmosphärisch bei Laune hält.
Erst nach der Pause gewinnt der Abend an Fahrt. Die Grenzen zwischen – gespielter – Realität und vorgeführtem Theaterspiel, zwischen Reflektion und Fiktion verschmelzen in szenischen Vorgängen mit Texten von Shakespeare und gespielt, entgegen der elisabethanischen Tradition, wunderbar leicht. Sie erzeugen, wie von selbst, jene spielerischen Ebenen, die man im ersten Teil mühsam und ausgiebig dem Zuschauer hatte erklären und aufzeigen wollen. Der eingangs erwähnte Exzess lässt sich, ganz im Sinne der Inszenierung, mit der Freiheit des Künstlers auf der Bühne begründen, die Hartmann und sein Ensemble in Leipzig auszuweiten suchen, ist aber kaum zu erklären.
Es trat Jesus Christus (extrem extrem: Maximilian Brauer) mit einem lebendigen Esel auf und fragte Gott, wer er sei und was er zu tun habe. Dieser Jesus Christus, und das muss man ihm zu Gute halten, begründete seine dann folgende Nacktheit klug und ironisch mit dem Hinweis auf die Kürzungsdebatten in der Stadt Leipzig: „Ich ziehe das Gewand aus, nimm es für dein Gewandhaus“ und spielte dann eine Szene, in der er im Lichte von hunderten von Leuchtstofflampen wie ein wildes Tier herum sprang und sexuelle Vorgänge andeutete. Er schrie Gott Vater (ebenfalls und in seliger Ruhe: Manuel Harder) an: „Ich breche den Vertrag“ und lauthals in den Saal: „Ihr kooperiert mit eurem kranken System“ und konnte sich nicht wieder beruhigen. Als er sich dann mit frischem Eselsdung beschmierte, den der Esel wie bestellt zu Boden fallen ließ, intensiv daran roch, den Dung umher warf – wohlbemerkt nicht ins Publikum –, da war für einige Zuschauer die Toleranzgrenze überschritten. Sie nutzten ihre Freiheit, um den Saal zu verlassen.
Über den restlichen Szenen gepaart mit einem Eimer Theaterblut und Gewalt lag, wie ein Schleier, eine in einem Theatersaal selten zu erlebende angespannte Grundhaltung, die von sakral anmutenden Einlagen des Jugendchores (hervorragend: die Mitglieder der GewandhausChöre) durchtränkt wurde. Die Inszenierung bewegt sich auf einem schmalen Grad zwischen einfachem Spektakel und komplexem Spiel, dessen Zeichen und Hinweise der durchschnittliche Zuschauer nur schwer zusammensetzen kann. In jedem Fall ist es ein Abend aus dessen Anlass man vortrefflich über Theater streiten kann. Das Premierenpublikum war nach vier Stunden gespalten. Gut die Hälfte verließ den Saal zügig, manche waren unentschlossen und die Anderen bekundeten heftig ihre Begeisterung für diese Form des Theaterspiels. Weitere Vorstellungen am 3.12. und 17.12. jeweils um 19:30 Uhr im Centraltheater.
Kommentare
ganz anders erlebt...
Mich faszinieren Theaterstücke, bei denen es zu solchen Spannungen kommt, dass Teile des Publikums den Saal verlassen. Auch die beschriebene extreme und grenzüberschreitende Darstellung von Maximilian Brauer, der sich nackt auszieht und mit Eselskot einreibt, haben meine Neugierde geweckt. Leider wurde ich bitter enttäuscht:
1. Passt das Stück in die Sparte Schauspiel? Angesichts des vielen Sing-Sangs ist es ja schon fast ein Musical.
2. Manche Gags und deren schauspielerische Darstellung waren schlichtweg platt und hatten Schultheaterniveau.
3. Maximilian Brauer war weder nackt noch hat er sich mit Eselsdung beschmiert (er hat lediglich etwas auf seinen Umhang gerieben)
Offensichtlich "entschärft" das Schauspiel Leipzig nach der Premiere seine Vorstellungen. Nur warum? Wenn solche Kritiken in Umlauf sind, gehen Leute, die mit solchen Szenen ein Problem haben, ohnehin nicht in die Vorstellung. Sie wissen ja gar nicht, dass diese "entschärft" wurde. Außerdem finde ich es ziemlich schwach, erst eine kontroverse Inszenierung auf die Beine zu stellen und dann zurückzurudern!
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