Da geht, oder besser stöckelt sie: Der Rock ist kurz, der Ausschnitt tief, das Haar lang und höchstwahrscheinlich blondiert. Diese Person wird dir, lieber Leser, als deine neue Chefin vorgestellt. Was denkst du nun?
Im Idealfall freust du dich auf deinen Arbeitstag und hoffst auf eine kompetente Vorgesetzte. Aber gehen wir einmal davon aus, dass der ein oder andere deiner Kollegen anders reagiert. Schnell wird der hässliche Satz „Die hat sich doch hochgeschlafen!“ die Runde machen. Warum? Weil die Mitarbeiter, die zum dritten Mal bei der Beförderung übergangen wurden, neidisch sind? Vielleicht.
Möglicherweise ist aber auch in der Firma, in der du, lieber Leser, neben dem Studium jobbst, die Kunde vom erotischen Kapital noch nicht angekommen. Dieses ist laut der Soziologin Catherine Hakim ein wertvoller Charakterzug, den es einzusetzen gilt, statt ihn verschämt zu verstecken.
Und warum auch nicht? Erstens schließen sich Schönheit und Intelligenz nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil, um das eigene Äußere erfolgreich für die Karriere einzusetzen, ohne dabei plump zu wirken, braucht es ein gerütteltes Maß an Verstand. Und nur wer es schafft, sich in der Chefetage durchzusetzen und gute Arbeit abzuliefern, wird auf Dauer dort bleiben können.
Zweitens plädiert Hakim in ihrem Buch ja nicht dafür, dass Angestellte reihenweise Affären mit ihren Vorgesetzten beginnen sollen. Sex spielt in ihrem Konzept nur eine untergeordnete Rolle. Wenn, dann ist die Aussicht auf denselben das Entscheidende. Dazu kommen aber noch andere Faktoren wie selbstsicheres Auftreten und ein stilvolles Äußeres. Dass in der Debatte um das erotische Kapital nun der sexuelle Aspekt dominiert, zeigt nur die Kurzsichtigkeit der meisten Kommentatoren. Die Wahrheit ist, dass wir uns evolutionär bedingt bei der Einschätzung einer Person immer vom Äußeren leiten lassen. Wir müssen wissen, ob sie Freund oder Feind ist. Ihre Persönlichkeit können wir nicht innerhalb von Sekunden erfassen, also trauen wir unseren Augen.
Drittens gehören zum „Sich hochschlafen“ immer zwei. Es gibt eine Person, die sich, von Ehrgeiz getrieben, dafür hergibt. Und es gibt eine andere, die bereit ist, Jobs im Austausch gegen Intimitäten zu verteilen. Letztere disqualifiziert sich selbst durch diese Bereitschaft eigentlich von jeder Führungsposition und doch hat sie eine inne. Meiner Meinung nach wird die neue Führungskraft somit auf keinen Fall unmotivierter an ihre Arbeit gehen, als die alte das tut.
Viertens: das Diskriminierungsargument. Manch einer mag behaupten, Hakims Betrachtung setze Frauen herab. Tatsächlich richtet sich ihr Aufruf zur Nutzung des erotischen Kapitals hauptsächlich an die Damen dieser Welt, aber wer sagt, dass es dabei bleiben muss? Frauen begehren Männer und Frauen leiten Unternehmen. Folglich kann auch das vermeintlich so schon starke Geschlecht sein erotisches Kapital für sich arbeiten lassen. Die Einzigen, die in dieser Debatte Frauen diskriminieren, sind die, die sie immer wieder zu Opfern männlicher Lust machen.
Neuen Kommentar schreiben