Sie sind hier

Kein Täter werden

Präventives und anonymes Therapieangebot für Pädophile in Leipziger Universitätsklinik

Pädophilie gilt oft als der Inbegriff des Bösen. Denn wenn sich die sexuelle Neigung praktisch Bahn bricht, sind die Opfer die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft: Kinder. An der Ambulanz des Leipziger Universitätsklinikums öffnete im Oktober ein Hilfsprojekt, dass eben diesen Schritt  zur Tat verhindern will. Unter dem Slogan „Kein Täter werden“ können sich Männer mit pädophilen Neigungen dort anonym therapeutisch helfen lassen.

Die Anlaufstelle unter der Leitung von Henry Alexander ist die jüngste Niederlassung des Präventions- und Forschungsprojekts „Dunkelfeld Deutschland“. Ziel des weltweit einmaligen Projekts ist es, Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung und Verbreitung von kinderpornografischem Material im Internet bereits im Vorfeld entgegen zu wirken. Unterstützung erfährt die Einrichtung unter anderem durch das sächsische Sozialministerium. Dieses finanziert das Projekt bis 2013 jährlich mit 108.000 Euro.

Bisher gab es keine Möglichkeiten für Pädophile auf präventive Hilfe. Deshalb litten sie häufig an Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Suchtverhalten. Hier setzt die Idee des Projekts an. „Betroffene Männer sollen die Botschaft erhalten ‘Du bist nicht schuld an deinen sexuellen Gefühlen, aber Du bist verantwortlich für Dein sexuelles Verhalten! Es gibt Hilfe! Werde kein Täter!`“, so Alexander.

Diese Erkenntnis ist für die Betroffenen sehr wichtig, denn die sexuelle Neigung besteht ein Leben lang und kann nur kontrolliert, nicht aber beseitigt werden. Damit zielt der Ansatz vor allem auf eine Primärprävention. Aber auch Menschen, die bereits kinderpornografisches Material im Internet nutzen, können sich an die Ambulanz wenden. „Nur amtlich registrierte Straftäter kommen für uns nicht in Frage. Man könnte sie jedoch behandeln, wenn sie alle ihre gesetz-lichen Auflagen erfüllt haben und trotzdem meinen, dass sie noch Hilfe brauchen, um nicht rückfällig zu werden“, schränkt Alexander ein.

Die anonymisierte Therapie ist dreistufig. Am Anfang steht der sexualmedizinische Ansatz, die eigene Neigung zu akzeptieren und ins Selbstbild zu integrieren.

Daran schließen sich kognitiv-verhaltenstherapeutische Methoden an, die unter anderem Empathiekompetenzen fördern. Die Therapie findet in Gruppen- und in Einzelsitzungen statt. Bei der Beurteilung der Entwicklung des Behandelten wird beispielsweise die Häufigkeit der Nutzung von Kinderpornografie im Internet als Indikator herangezogen. Zeigen sich keine Verbesserungen, wird eine Pharmakotherapie angesetzt.

„Die medikamentöse Behandlung erfolgt erst dann, wenn die Betroffenen so in ihrem sexuellen Muster verhaftet sind, dass sie sich laufend kinderpornografische Bilder angucken und gar nicht abschalten können. Wenn sie merken, dass sie mit Gesprächstherapie auch nicht weiter kommen, versuchen wir die Situation medikamentös zu entschärfen. Das ist jedoch die Ausnahme“, so Alexander.

Zwanzig Teilnehmer befinden sich zur Zeit in Leipzig in therapeutischer Behandlung. Für den Leiter des Projekts ist die positive Bilanz auch eine Folge des Standortes. Die geografische Nähe zu Thüringen und Sachsen-Anhalt erleichtert es vielen Betroffenen, die Therapie dauerhaft wahrzunehmen.

Pädophilie ist eine sexuelle Präferenzstörung. Das sexuelle Muster ist so geartet, dass die hauptsächlich männlichen Betroffenen ihre sexuelle Energie auf Kinder richten. Hier unterscheiden sich wiederum zwei grobe Gruppen der Präferenzen: Kleinkinder und vorpubertäre Mädchen mit elf oder zwölf Jahren. Für die zweite Gruppe gibt es einen eigenen Begriff: Hebephilie.

Rund ein Prozent aller Männer zwischen 18 und 75 Jahren zeigt pädophile Neigungen. Diese entwickelt sich in der Pubertät und bleibt von da an unveränderbar bestehen.

Im Gegensatz zu anderen sexuellen Vorlieben, ist ausgelebte Pädophilie immer mit Missbrauch verbunden. „Der Mann hat mehr Macht. Schon allein durch sein Wissen darüber, wie man jemanden stimulieren kann. In dieser Weise ist ein Kind immer ein Opfer, weil es sich dem nicht entziehen kann und weil die körperliche Überlegenheit des Mannes zu groß ist“, schlussfolgert Alexander.

Allerdings begehen nicht ausschließlich Pädophile sexuellen Kindesmissbrauch, erörtert der Leipziger Professor: „Etwa 40 Prozent der Missbrauchstäter sind pädophil. Der Rest betreibt Ersatzhandlungen. Das sind beispielsweise psychisch Kranke, Menschen mit Kontaktstörungen oder körperlichen Gebrechen, die auf Kinder als die Schwächeren ausweichen. Letztendlich ist es immer auch eine Form der Ausübung von Macht und Überlegenheit.“

Statistisch gesehen ist Kindesmissbrauch in Deutschland in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. 2010 beliefen sich die Straftaten auf 14.407 Delikte. Die Polizei geht aber davon aus, dass die Zahl der nicht bekannten Fälle ungefähr fünf Mal so groß ist. Das Projekt „Dunkelfeld Deutschland“ ist die bisher einzige Einrichtung, die sich direkt dieser Dunkelziffer zuwendet und versucht diese wirksam zu reduzieren.

Ausgabe: 
Ressort: 

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <span> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Jede E-Mailadresse wird so verschleiert, dass sie für Menschen lesbar und verständlich bleibt. Wenn JavaScript aktiviert ist, wird sie durch eine spamsichere anklickbrare Verknüpfung ersetzt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.