Die Studiengänge für Angewandte Mathematik an der Hochschule für Technik, Wissenschaft und Kultur Leipzig (HTWK) stehen vor dem Aus. Dies geht aus Plänen des Rektorats zur Umsetzung der vom Land geforderten Personalkürzungen hervor. Die Hochschule soll bis 2015 erst 14 und bis 2020 noch einmal weitere 18 Stellen abbauen. Nach dem Rektoratsentwurf wären bis 2015 neun Professuren betroffen. Davon sollen insgesamt acht aus dem sogenannten MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) stammen. Den größten Aderlass gäbe es in der Mathematik, die allein fünf Professorenstellen abgeben soll. Entlassungen sind nicht vorgesehen. Die Stellen würden nach dem altersbedingten Ausscheiden ihrer derzeitigen Inhaber nicht mehr neu besetzt werden. Die HTWK hat in den vergangenen elf Jahren bereits 14 Stellen abgebaut. Zeitgleich stieg jedoch die Zahl der Studierenden 2010 auf ein Rekordhoch von 7.000.
Einen „Supergau“ nennt der zuständige Studiendekan Klaus Dibowski die drohende Schließung der Angewandten Mathematik: „Die Studiengänge sind bisher immer voll geworden, sie wurden dieses Jahr auch reakkreditiert, also ausdrücklich für gut befunden. Wegen ihrer praktischen Ausrichtung und der Teilnahmemöglichkeit für Berufsabiturienten sind sie unbedingt zu erhalten.“
Besagte Praxisnähe drücke sich vor allem darin aus, dass die Ergebnisse der forschungsorientierten Universitäten auf Anwendungsfelder übertragen werden würden, erklärt Dibowski. So könnten sich Studenten derzeit etwa auf Versicherungswesen oder Technik und Industrie spezialisieren. Der Studiendekan meint, man könne daher auch nicht von Doppelangeboten an Universität und Fachhochschule sprechen: „Die Studiengänge konkurrieren nicht, sie ergänzen sich.“ Ohnehin könnten viele der Fachhochschulstudenten nicht an der Uni studieren. Im Bereich der Mathematik verfügt nur knapp ein Drittel der Immatrikulierten über die dafür notwendige allgemeine Hochschulreife. Die Mehrheit hat hingegen ein Berufsabitur absolviert.
Dibowski sieht im Falle der Umsetzung der aktuelle Pläne die ganze Fakultät für Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften (IMN) gefährdet, da auch die Informatik zur Disposition stehe. Doch schon die Streichung der Mathematik würde dazu führen, dass Bedienleistungen quantitativ und qualitativ an Substanz verlieren würden. So müssten Module, vor allem für Informatiker und Ingenieure, ausfallen. Im Grunde wären aber mindestens alle Studiengänge des technischen Bereiches davon betroffen.
Nach Bekanntgabe der Kürzungspläne des Rektorats setzte die Fakultät IMN zahlreiche Hebel in Bewegung. Es folgten Gespräche mit Ministerium und Rektorat. Auf der Homepage wurden zahlreiche Unterstützerschreiben aus der Wirtschaft und von Absolventen veröffentlicht. Leider seien die Verhandlungen mit dem Rektorat festgefahren, so Dibowski. Ein Alternativvorschlag, der die Kürzung von zwei Mathematikern, zwei Informatikern und einer halben Stelle in der Verwaltung vorsah und mit dem die Studiengänge der Angewandten Mathematik wohl hätten gerettet werden können, sei abgelehnt worden.
Das Rektorat hat sich bei der Umsetzung der Kürzungsforderungen des Landes bewusst gegen eine gleichmäßige Verteilung auf alle Fakultäten, die sogenannte Rasenmähermethode, entschieden, um eine existenzielle Bedrohung mehrerer Studiengänge zu vermeiden. Dass die Pläne nun die Angewandte Mathematik besonders stark treffen, dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass dort bis 2015 fünf Professoren in Rente gehen.
Gerhard Hacker, HTWK-Prorektor für Bildung, kritisierte die Kürzungspläne des Landes. Das Wissenschaftsministerium könne nicht erwarten, dass die Abbrecherquote sinkt, wenn sich die Studienbedingungen verschlechtern und die Belastungen für den Einzelnen größer würden. Hacker wies darauf hin, dass die HTWK in diesem Wintersemester trotz zwölf Prozent mehr Bewerbern die Immatrikulationen um zwölf Prozent reduzieren musste, um das Betreuungsverhältnis nicht noch schlechter werden zu lassen.
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