Das Geld liegt auf der Straße.“ Diesen Gedanken scheinen auch in Leipzig viele Flaschensammler zu haben. Man sieht sie auf Open-Air-Veranstaltungen, am Eingang von Nachtclubs und in Grünanlagen. Auf der Suche nach Pfandflaschen und Dosen durchkämmen sie Gebüsche und Mülleimer, bewaffnet mit Taschenlampe, Rolltaschen und Plastiktüten. Die Medien berichteten über sie als verschuldete Rentner, Hartz-IV-Empfänger, Schwerbehinderte mit erheblichen Medikamentenkosten, Drogenabhängige: allesamt unter prekären Bedingungen lebende Menschen, die ihr mageres Einkommen etwas aufbessern wollen.
Das sei nicht falsch, sagt Sophie Tentrop, Studentin der Uni Leipzig, eingeschrieben für den Masterstudiengang „Global Studies”. Sie hätte sich allerdings mit einem anderen Aspekt des Flaschensammelns beschäftigt. Tentrop schrieb in diesem Frühjahr ihre kulturwissenschaftliche Bachelorarbeit über Flaschensammler in Leipzig. Dass es bis dato „keine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung“ mit diesem gesellschaftlichen Phänomen gegeben habe, beschreibt sie als ihre Hauptmotivation. Für eine Fallstudie folgte sie Angela*, einer Leipziger Flaschensammlerin, mehrere Abende.
Angela sammelt bereits seit 20 Jahren Flaschen, und unterhielt sich mit Tentrop ausgiebig über ihren „Beruf“ und ihre Motivation. Die Ergebnisse sieht die Wissenschaftlerin aufgrund des bescheidenen Umfangs zwar noch nicht als generalisierbar an, sie möchte aber einen Anstoß für eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema geben. Ihre Hypothese ist, dass Flaschensammeln nicht allein aus ökonomischen Gründen geschehe. „Teilweise fällt der finanzielle Gewinn, von dem die Sammler berichten so gering aus, dass es kaum plausibel erscheint, dieser Tätigkeit aus ökonomischen Gründen nachzugehen“, schreibt sie in ihrer Bachelorarbeit und vermutet weiter, dass das Sammeln für die Flaschensammler eine Strategie sein kann, den Folgen von „sozialer Exklusion“ zu begegnen.
Die Exklusionstheorie prägten in Deutschland in den letzten Jahren Sozialwissenschaftler wie Heinz Bude, Rainer Castel und Rainer Land. Sie thematisiert, dass Menschen auf Grund von Prekarisierung aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Den Beginn der Prekarisierung markiert, dass Menschen langfristig von der Erwerbstätigkeit abgeschnitten werden. Mit der Arbeit verbundene soziale Kontakte gehen verloren und damit die Möglichkeit der Teilhabe an der Gesellschaft. Das, was im Bezug auf Konsum, Mobilität und materielle Sicherheit im gesellschaftlichen Konsens als „normal“ bezeichnet wird, können sie immer schwerer erreichen. Sie fallen durch das soziale Gitter.
Der Staat steuert dieser Entwicklung durch wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen entgegen, so zum Beispiel mit Ein-Euro-Jobs und Wiedereingliederungsmaßnahmen, die Er-werbslose in die Arbeitswelt reintegrieren sollen. Diese Maßnahmen sind nach dem Berliner Sozialwissenschaftler Rainer Land aber nur für die Überbrückung kurzfristiger Arbeitslosigkeit geeignet. Bei struktureller Arbeitslosigkeit führen sie durch den Wechsel von Bezug von Sozialleistungen und Teilnahme an wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen zu einer „sekundären Integration“ in eine Art sozialstaatliche Parallelwelt.
Dieser Prozess schafft eine Gruppe von Menschen, die die Exklusionstheorie nach Land als „die Überflüssigen“ bezeichnet. Aber auch aus dieser Parallelwelt fällt heraus, wer sich zum Beispiel im Dschungel der Bürokratie auf Grund fehlender Bildung nicht zurechtfindet oder wer am Ausfüllen von Anträgen und Formularen scheitert.
Das Flaschensammeln sei nun eine Möglichkeit, diesem Pendeln zwischen Leistungsbezug und Maßnahmen zu entgehen, sagt Tentrop. Man sei finanziell unabhängiger, könne sich seine Arbeitszeit selbst einteilen, führe ein selbstbestimmteres Leben. Ein Blick auf die Realität der Flaschensammler scheint das zu bestätigen. Man kann bei näherer Betrachtung eine Art Professionalisierung beobachten. Die Flaschensammler loten aus, wo es Partys gibt, bei denen gesammelt werden kann und teilen Reviere auf. Das ginge soweit, dass es sogar zu Rangeleien kommen kann, wenn Reviergrenzen überschritten werden.
Tentrop vermutet, Angela habe über das Flaschensammeln eine ähnliche Integration in die Gesellschaft erfahren wie über reguläre Erwerbsarbeit, zum Beispiel, indem sie mit den Menschen auf der Straße kommuniziere. Damit vermindere das Flaschensammeln das Gefühl der eigenen Überflüssigkeit, es sei „eine Art künstlicher Integrationsmodus.“
Auf der anderen Seite stehen allerdings Anfeindungen und der Verlust des sozialen Status durch die Tätigkeit des Flaschensammelns, welche die Exklusion verstärken. Die „taz“ berichtete vor kurzem über geschätzte 2.500 bis 3.000 Flaschensammler allein in Hamburg. Auch wenn über Leipzig solche Schätzungen nicht vorliegen, sind die Flaschensammler aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und die Zahl nimmt stetig zu, berichtet Angela. Das macht die von Tentrop aufgestellten Thesen wahrscheinlicher, denn die steigende Anzahl von Flaschensammler bedeutet kleinere Reviere und weniger Geld. Die finanzielle Bedeutung des Flaschensammeln scheint immer mehr in den Hintergrund zu geraten.
* Name von der Redaktion geändert
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