Seit einigen Wochen gibt es in Leipzig-Lindenau einen ganz besonderen Hingucker. Über dem Hauseingang der Merseburger Straße 39 prangt in großen, goldenen Lettern das Wort „Lehmolandia“. „Ein Land aus Lehm“ ist wohl die passendste Übersetzung dieses Fantasienamens.
Die Wortschöpfer Andrea Tizziani und Jan Barnick sind die Gründer und Gestalter des ersten Lehm- und Kulturzentrums Leipzigs. Es war eine gemeinsame Vision der gelernten Bühnenbildnerin und des Freizeitwissenschaftlers: Sie wollten ihre Leidenschaft für Lehm weitergeben. In Mexico und später in Argentinien, wo er auch zum ersten Mal auf Tizziani traf, baute Barnick seine ersten Lehmhäuser. „Für mich war das ein Schlüsselmoment. Da waren die Mexikaner, der Lehm und ich. Lehm hat mich sofort fasziniert“, erinnert sich der 28–Jährige. Tizziani teilt seine Leidenschaft: „Wenn ich an Lehm denke, habe ich sehr schöne Bilder im Kopf. Ich verbinde Lehm mit Kreativität, Gesundheit, jungen Leuten und Kontakt mit der Natur.“
So wurde Lehmbau zu ihrem gemeinsamen Projekt. Nun wollen sie das, was sie in der Lehmkunst empfinden, für alle Leipziger erfahrbar machen. „Lehm ist ein ganz besonderes Material, sehr plastisch und es ist sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten“, erzählt Barnick. Auch heute lebt noch ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung in Lehmhäusern, vor allem in Entwicklungsländern. In Deutschland wurde der Lehm nach dem zweiten Weltkrieg durch industrielle Baustoffe, wie Ziegel, Beton und Stahl, ersetzt.
Für die beiden Lehmgestalter vermittelt das natürliche Material vor allem Freiheit: „Da du Lehm nicht brennen musst, damit er hart wird, sondern einfach trocknen lassen kannst, ist er vielseitig einsetzbar. Du kannst alles machen.“ Tizziani und Barnick nutzen ihn als Putz, Klebstoff, Wandfarbe und Ummantelung für Elektrogeräte. Die kunstvoll mit Lehm umhüllten und mit Mosaiken verzierten Spiegel, Waschbecken, USB-Sticks und Lautsprecher wollen sie nicht nur verkaufen, sondern auch Interessierten die Möglichkeit zum Erlernen des Handwerks bieten.
Doch Barnick weiß: „Lehm hat hier in Deutschland das Image: Das ist ja alt und bröckelig und das schimmelt doch.“ Mit diesem schlechten Ruf des wohl ältesten Baustoffes der Welt wollen die Lehmkünstler nun aufräumen. Eigentlich sei Lehm genau das, womit wir alle als Kinder im Garten liebend gerne gespielt haben. Damals sei es für uns Matsch, eine Mischung aus Ton und Sand, gewesen.
Damit daraus ein vielseitiger Baustoff werden kann, wird er weiterhin mit Wasser und verschiedenen Fasern, wie zum Beispiel Stroh, Tierhaaren oder Kiefernadeln, angereichert. Die unterschiedlichen Anteile der Stoffe in der Mischung bestimmen die Konsistenz des Baumaterials. Für Barnick ist die Arbeit mit Lehm ein großes Experiment. So wird das Baumassengemisch nicht nur mit Dekorationsartikeln sämtlicher Art, sondern auch mit Olivenöl oder Quark gemischt.
Barnick gerät schnell ins Schwärmen: „Du hast keine Schranken, Lehm kostet kein Geld und die Form kannst du stetig verändern.“ Durch seine Wiederverwertbarkeit, Wärmespeicherung, Schadstoffbindung, Regulation der Luftfeuchtigkeit und geringen Energieverbrauch in der Herstellung trage der Bau mit Lehm zusätzlich einen großen Teil zum Umweltschutz bei. Das ist auch der Grund, warum er in den 1980er Jahren in Deutschland wieder an Popularität gewann.
Seit November können Leipziger Lehmliebhaber das Atelier besuchen, um Filmabende in warmer Atmosphäre zu genießen oder sich in Kursen selbst zu Lehmkünstlern ausbilden zu lassen. „Mit Lehm kannst du dir deinen Lebensraum adäquat gestalten. Alles kommt dann völlig aus dir selbst“, sagt Barnick begeistert und fügt hinzu: „Aus Erfahrung weiß ich: Wenn einer anfängt, mit Lehm zu arbeiten, will er nicht mehr aufhören.”
Mehr Infos findet Ihr auf: www.lehmolandia.de
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