Dann ist es wieder Samstag und ich finde mich in der Mühlstraße 14 wieder, auch bekannt als Mühlkeller. Das Vereinsgebäude wird über den Hof betreten und zuerst einmal der Flyer- und Postkartenvorrat aufgefüllt. Die Treppe führt durch den ehemaligen Kindergarten in den „Theaterraum” im ersten Stock. Die Familienorientierung ist dominant und die Zettelwirtschaft an der Pinnwand entsprechend umfangreich. Der Raum steht offen, eine Frau im bodenlangen schwarzen Kleid empfängt mich freundlich. Dann beginnt die Raumumwandlung, die Sitzgelegenheiten werden positioniert, das Licht arrangiert, die Türschwelle frequentiert.
Rote Vorhänge werden zugezogen und verdecken die weißgetünchten, hässlichen Wände wie auch die Fenster mit nicht minder unschönen Rollos. Die Ohren sind nun gefordert. Ein Vortrags-Programm. Ein weibliches Duo versucht sich abwechselnd und gleichzeitig, wobei der eine Part liest, der andere, besagte Dame in Schwarz, vornehmlich auf der Querflöte oder auch auf dem Tasteninstrument, musiziert.
Vor allem prosaische Lyrik wird meinem Ohr geboten, ab und an aber auch lyrische Prosa. Es geht um eine Jugend in der DDR, um die Narben jener Zeit und den Versuch, deren Tiefe zu entkommen. Schmerz und Angst werden von Liebe und Geborgenheit besiegt. Die Pause ist aber viel Lachen und Flüssigkeitszufuhr.
Nach dem eher düsteren ersten Teil geht es im Zweiten etwas heiterer und rascher voran. Am Ende empfinde ich vor allem meine eigene emotionale Eingebundenheit als eine bemerkenswerte Erfahrung. Die Texte von Daniela Delphine Döring brachten etwas in mir zum Klingen, ohne nachzuklingen. Die anderthalb Stunden sind wie verflogen, nur mein Po auf den harten Plastiksitzen zählte die Minuten.
Zeitsprung. Handlungsloch. Szenenwechsel. Die Tonne der MB ist am Sonntag Nachmittag voll besetzt. Eine Viertelstunde zu früh und trotzdem ist kein Platz mehr zu ergattern. Viele Jacken reservieren die Sitze, Teilgruppen werfen giftige Blicke auf den Suchenden, als wollten sie sagen: „Frag gar nicht erst! Hier ist nichts frei. NEIN! Dort auch nicht.” Ich trotte unter den Torbogen und verfluche stumm das Schicksal. Das Figaro Lesecafé empfängt um 16.05 Uhr Christoph Hein zum Interview und zur Vorstellung seines Buches „Weiskerns Nachlass”. Das Interieur ist für die Radiosendung vorbereitet und entsprechend professionell.
Ein informierter Gastgeber, der die richtigen Fragen stellt, und auch noch ein studentischer Pianist, der eine jazzige Unterteilung der Sendung gewährleistet. Der Eintritt ist frei, der Kaffee schmeckt, die Tassen klappern, die Scherze sind zurückhaltend, zünden aber. Substantielles und Plauderei, all das wirkt auf mich unverkrampft und doch durchorganisiert, irgendwie bemüht locker.
Der Ehrenbürger Bad Dübens gibt einen biographischen wie auch bibliophilen Einblick. Dann beginnt das Vorlesen. Ein alternder Instituts-Angestellter fliegt und ein Motor fällt aus, dann noch einer. So beginnt die Geschichte. Eine Steuernachzahlung droht und überhaupt läuft plötzlich alles schief, mit seiner Stelle, den Studenten und dann findet er sich auch noch inmitten einer Mädchengang wieder, die wohl nichts Gutes im Schilde führt. Das alles wird routiniert und gekonnt vorgetragen. Das Publikum ist jetzt auch angenehmer. Kein Handy stört, das Flüstern schallt nicht durch den ganzen Saal, auch ohne erhobenes Schild lachen alle an der richtigen Stelle. Man ist kultiviert und durchschnittlich eher gesetzteren Alters.
Ich notiere: „Alles stimmt. Keine Überraschungen. Es ist ein bisschen langweilig. Hätte ich auch im Radio hören können.“ Ich finde ja, Lesungen haben etwas Geheimnisvolles. Wie eine schmierig-verschlissene Landkarte mit einem X
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