Verweile doch” - So lautet das Motto des aktuellen Studium Universale der Universität Leipzig, welches sich in diesem Semester mit dem Thema Zeit auseinandersetzt. Die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe nähert sich dieser Thematik dabei aus gänzlich verschiedenen Richtungen. Zeitkonzepte in der integralen Philosophie werden genauso behandelt, wie die Synchronisation von globalen Konflikten, das Zeitgefühl von Tieren, Endzeitvorstellungen des Christentums oder physikalische und technische Aspekte von Zeit, Zeitmessung, Kommunikationsmöglichkeiten und deren Folgen.
Stefan Lampadius, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Anglistik, nähert sich der Thematik aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive: „Zeitreisen in der Science Fiction” lautet der Titel seines Vortrags. Dabei stellt er Konzepte ausgehend von Klassikern der Zeitreiseliteratur in der Science Fiction bis zu zeitgenössischer Literatur vor. Die Idee von Zeitreisen ist jedoch bedeutend älter. „Vorläufer von Zeitreisen findet man in Mythen und Legenden, klassisch ist der lange Schlaf wie in Dornröschen oder Siebenschläfer“, erläutert Lampadius. Die eigentliche Zeitreiseliteratur beginnt mit der Einführung technischer Erklärungen für die Zeitreise, wie sie mit „The Time Machine” 1895 von H.G. Wells zum ersten Mal geschah. Dabei wirft er die Frage auf, ob Zeit etwas Reales oder lediglich etwas Abstraktes, vom Menschen Konstruiertes ist, da die Menschen streng genommen nur in der Gegenwart leben.
Zeitreiseliteratur reflektiert einerseits – wie Science Fiction im Generellen – technische Entwicklungen und deren Konsequenzen. Die Art und Weise wie eine Zeitreise dargestellt wird, verändert sich im 20. Jahrhundert. „Bei H.G. Wells ist die Zeitmaschine eine Art Superfahrrad, was damals eine neue Erfindung war. Später spielt die Relativitätstheorie und die Quantenphysik eine Rolle, bei ganz aktuellen Werken wie ‘The Time Travellers Wife’ ist es eine Art genetische Krankheit“, so Lampadius. Auch die sozialen Konsequenzen dieser technischen Entwicklungen werden in Form von Utopien oder Dystopien behandelt. Auch Paradoxien stehen des Öfteren im Zentrum des Plots. Ebenso werden menschliche Allmachtsvorstellungen kritisiert, in denen der Eingriff in Kausalketten in der Vergangenheit zu unüberschaubaren Konsequenzen für die Protagonisten in der Gegenwart führt.
„Die Begegnung mit dem Fremden steht in der Zeitreiseliteratur häufig im Vordergrund. So wird in ‘Conneticut Yankee’ von Mark Twain der Protagonist in die Vergangenheit versetzt und muss sich mit den Zuständen des mittelalterlichen Englands auseinandersetzen.“
Im 20. Jahrhundert ist jedoch eine Tendenz zur Dystopie in der Literatur zu erkennen, ausgelöst durch die Ernüchterungen und Enttäuschungen des technischen Fortschritts, der zu neuen Gefahren wie Atomkrieg oder Umweltzerstörung geführt hat. Der Vergleich mit einer anderen zukünftigen Gesellschaft ermöglicht die Bewertung der eigenen Gesellschaft und soziale Entwicklungen können so von Autoren angemahnt und verarbeitet werden. So verbindet H.G. Wells in „The Time Machine” Elemente der Evolutionstheorie, sozialistischer Ideen und dem Zeitreisekonzept, um die gesellschaftlichen Zustände des ausgehenden 19. Jahrhunderts anzumahnen. In den letzten zwanzig Jahren lässt sich jedoch ein Trend zur Verinnerlichung erkennen. Die Literatur beschäftigt sich vermehrt mit dem Innenleben des Zeitreisenden.
Die Ursache für das Aufkommen der modernen Zeitreiseliteratur vermutet Lampadius unter anderem in der fortschreitenden Erforschung der Welt und dem Verschwinden leerer unentdeckter Flecken auf Landkarten. „Unerforschte Räume sind aber in der Science-Fichtion-Literatur sehr wichtig, und je mehr leere Flecken in der Weltkarte verschwinden, umso mehr werden neue Räume für Fiktionen gesucht, die dann beispielsweise in der Zukunft gefunden werden“, so Lamapadius.
Das Studium Universale gibt es mittlerweile seit 20 Jahren. Durch seinen interdisziplinären Ansatz versucht es die Gräben zwischen den Fachdisziplinen zu überwinden. Zudem sollen nicht nur Dozenten und Studenten, sondern auch Leipziger Bürger ohne akademischen Hintergrund angesprochen werden. Das Studium Universale soll zeigen, das Wissenschaft nicht nur im Elfenbeinturm der Universität stattfindet.
Vorträge jeweils mittwochs 19 Uhr im Hörsaal 1:
9.11. Wulf Mirko Weinreich: Zeitkonzepte in der Integralen Philosophie
23.11. Stefan Lampadius: Zeitreisen in der Science Fiction
30.11. Bernd Rheinländer: Der Faktor Zeit in der Natur
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