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Durch Rhythmus zur Sprache

MPI: Neue Erkenntnisse zu Musiktherapie nach Schlaganfällen

Einem Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI) in Leipzig gelangte jetzt zu neuen Erkenntnissen in Bezug auf die Behandlung von Sprachstörungen mittels melodischer Intonationstherapie. Bisher wurde angenommen, dass die Verbesserung der Sprachproduktion der Patienten bei Musiktherapien durch das Singen bewirkt  wird. Doch die Leipziger Wissenschaftler um Doktorand Benjamin Stahl stellen diese Annahme nun mit Hilfe einer neuen Therapiestudie in Frage. Ihren Ergebnissen zufolge sind vielmehr der Rhythmus und die Vertrautheit beziehungsweise Floskelhaftigkeit der Liedtexte entscheidende Faktoren für eine erfolgreiche Behandlung.

Um mögliche Effekte und die Wirkungsweise des Singens genauer zu untersuchen, hatten die 17 Teilnehmer der Studie die Aufgabe, Textsilben singend oder sprechend mit rhythmischer und unrhythmischer Begleitung zu artikulieren. Die Silben beziehungsweise Texte hatten ähnliche sprachliche Eigenschaften, unterschieden sich aber in ihrer Floskelhaftigkeit. Nachdem tausende Silben ausgewertet wurden, stand für die Forscher fest, dass das Singen für die Sprachproduktion keineswegs entscheidend sei, da es im Vergleich zum rhythmischen Sprechen keinen zusätzlichen Effekt lieferte. Stahl fasst dahingehend zusammen: „Das entscheidende am Singen war bei unseren Patienten also nicht die Melodie, sondern der Rhythmus.“ 

Auch der Vertrautheit der Texte scheint eine größere Bedeutung zuzukommen als bisher angenommen. So ließ sich beobachten, dass Phrasen wie „Alles klar?“ und bekannte Lieder wie „Hänschen klein“ von den Teilnehmern häufiger korrekt artikuliert wurden als unvertraute. „Der Artikulation von Sprachfloskeln und Liedtexten könnte demnach ein anderer Mechanismus im Gehirn zugrunde liegen, als der Spontansprache“, vermutet Stahl. Die Ergebnisse der Studie stellen den positiven Effekt des Singens in der Aphasietherapie, der Behandlung von Störungen des Sprachzentrums, grundsätzlich in Frage und postulieren, dass Rhythmus und Floskelhaftigkeit bei der Therapie viel mehr Beachtung zugestanden werden muss.

Die melodische Intonationstherapie beruht auf der Annahme einer Aufgabenverteilung zwischen den Hemisphären. Während Sprache vorwiegend in der linken Gehirnhälfte „produziert und verarbeitet“ wird, ist der „Entstehungsort“ des Singens in der rechten zu verorten. Ist die linke Gehirnhälfte zum Beispiel durch einen Schlaganfall geschädigt und  eine sogenannte nicht-flüssige Aphasie bleibt zurück, soll die intakte rechte Gehirnhälfte diese Arbeit übernehmen.

In der bisherigen Anwendung wird die Umverteilung auf die rechte Hemisphäre durch Singen, Klopfen und Klatschen erreicht. Jeder Patient lernt einige Melodie- und Rhythmusmuster und übt, zuerst Silben, dann Wörter und schließlich ganze Sätze in die erlernten Muster einzusetzen. Mit voranschreitender Therapie wird die Melodie Schritt für Schritt in die normale Sprachmelodie überführt.  Auch das anfängliche Klopfen des Rhythmus wird allmählich reduziert. Verläuft die Therapie positiv, können sich die Patienten danach fast normal verständigen.

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