Sie sind hier

Das „rote A“ und der Rotstift

Dicke Luft herrschte am Dienstagabend an der Uni Leipzig. Der StudentInnenRat (Stura) hatte Rektorin Beate Schücking ins Plenum eingeladen, um dort ihre zuvor bereits dem Senat präsentierten Kürzungspläne nochmals zu erläutern. Aus diesem Anlass hatte auch die Initiative „Leipzig72“ für diese Veranstaltung mobilisiert, so dass es kurz nach 19 Uhr nicht nur an Platz und Sitzgelegenheiten, sondern auch an einer ausreichenden Sauerstoffzufuhr mangelte. Spätestens als die Rektorin eine Stunde später ins Detail ging, dürfte insbesondere den Pharmazeuten tatsächlich die Luft weggeblieben sein. Denn die komplette Apotheker-Ausbildung in Leipzig soll dem Rotstift zum Opfer fallen.

Auf 48 Stellenstreichungen für die Jahre 2013 und 2014 hatte sich das Rektorat nun festlegen müssen, nachdem Ende November überraschend ein Schreiben vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) eingeflattert war, das entsprechende Vorschläge binnen eines Monats einforderte. Also noch zwei Monate vor Fertigstellung eines universitätsinternen Hochschulentwicklungsplanes. Beate Schücking verglich die Situation mit der eines Studenten, der eine Klausur schreiben müsse, ohne die genaue Aufgabe zu kennen. Woraufhin ihr in Anspielung auf eine mögliche Verweigerungshaltung gegenüber dem SMWK aus dem Plenum entgegengehalten wurde, dass man solch eine Klausur gar nicht erst schreiben sollte.

Thomas Lenk, Prorektor für Entwicklung und Transfer, argumentierte jedoch, dass im Falle einer ausbleibenden Reaktion seitens der Uni auf die Vorgaben aus Dresden schlicht nach und nach automatisch Stellen wegfallen würden, beispielsweise durch Pensionierungen von Professoren. Dies sei mit Hinblick auf eine strategische Ausrichtung und Profilierung der Uni die denkbar ungünstigste Variante. Auch das „Rasenmäher-Prinzip“, also überall gleichermaßen zu kürzen, lehnte er ab.

Wo genau gekürzt werden soll, entschied sich letztlich anhand einer – von den Studenten prinzipiell als nachvollziehbar empfunden – Indikatorenliste mit folgenden Ergebnissen: Sechs Stellen in der Universitätsbibliothek, sieben Stellen in der Zentralverwaltung, je zwei Stellen an der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften (eine Professur in Geschichte, eine Mitarbeiterstelle in der Ethnologie), der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, der Fakultät für Mathematik und Informatik (ein Professor, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter) und der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie (ein Professor und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Politikwissenschaft, die ansonsten bestehen bleibt und sich stärker auf Lehrerbildung konzentrieren soll) sowie sechs Stellen an der Philologischen Fakultät, wo die Lehrstühle für Südslavistik und Onomastik (Namenkunde) ebenso gestrichen werden sollen wie der Masterstudiengang Komparatistik (Vergleichende Literaturwissenschaft).

Doch besonders hart trifft es das Institut für Pharmazie, welches die restlichen 21 Kürzungen zu leisten hat und somit komplett geschlossen wird. Rektorin Beate Schücking begründete ihre Pläne damit, dass dieses Institut von Anfang an zu klein geplant gewesen sei, von den fünf Professuren sowieso drei neu zu besetzen wären (der FSR hielt anschließend dagegen, es wären nur zwei) und der Studiengang in Leipzig keine lange Tradition besitze (die Pharmazie war in der DDR frühzeitig aus dem Angebot der Uni verbannt worden). Kernargument sei jedoch die Pharmazie im nahen Halle, welche mit 15 Professuren und jährlich 160 immatrikulierten Studenten deutlich größer sei. Auch nannte Schücking das Beispiel eines Professors, der erst seit einem Jahr in Leipzig sei, das Institut für Pharmazie nun aber schon wieder verlassen wolle.

Die Vertreter der Fachschaft hielten den Ausführungen der Rektorin entgegen, dass die Pharmazie im bundesweiten Vergleich der 22 Institute seit Jahren zu den Top Drei bei den Staatsexamen zähle, 80 bis 90 Prozent eines Jahrgangs ihren Abschluss machen würden und die Arbeitslosenquote quasi bei null Prozent liege. In Halle hingegen würden bereits nach zwei Jahren schon mehr als die Hälfte der Studenten ihr Pharmazie-Studium abbrechen.

Ein weiterer Grund gegen die Schließung sind laut Vertretern der Fachschaft die sich abzeichnenden Engpässe in der Versorgung. „Wir sehen den Wegfall der Apothekerausbildung in Sachsen sehr kritisch, da es jetzt schon einen Mangel an gut ausgebildeten Pharmazeuten gibt und dafür sogar 2010 eine Ausbildungsoffensive seitens der Apothekerkammer gestartet wurde“, so Christin Nitzschke vom FSR BioPharm. Anzeichen dafür, dass das komplette Institut geschlossen werden soll, hätte es nicht gegeben: „Wir haben ein logisches und innovatives Zukunftskonzept vorgelegt, unser Institut hat sich gerade auf der Überholspur eingeordnet und von der Apothekerkammer wurde sogar eine Erhöhung der Studierendenzahl gefordert – und jetzt fahren wir quasi mit Maximalgeschwindigkeit gegen den Baum.“

Auch in Kammern und Verbänden wird die Nachricht von der drohenden Schließung der Pharmazie in Leipzig mit Entsetzen, aber auch kämpferisch zur Kenntnis genommen. So schreibt Jörg Bretschneider von der Sächsischen Landesapothekenkammer im „Pharmaboard“, einem Online-Forum: „Wir erwarten einen lauten Aufschrei von unserem Berufsnachwuchs, dem Institut und werden kämpfen, damit nicht schon wieder wie 1968 unter der Willkürherrschaft der Kommunisten die Pharmazie an der Uni Leipzig politischen Intrigen zum Opfer fällt.“

Der Vizepräsident des Deutschen Apothekerverbandes, Friedemann Schmidt, äußerte sich gegenüber der Deutschen Apotheker-Zeitung: „Die Umsetzung der Sparziele des Rektorats der Leipziger Universität halten wir für einen eklatanten Fehler. Eine ordnungsgemäße und flächendeckende Arzneimittelversorgung, besonders in den ländlichen Gebieten, wird ohne genügend eigenen Nachwuchs an Apothekerinnen und Apothekern nicht mehr möglich sein. Dies wird auf dem Rücken der Patienten ausgetragen, Apotheken werden schließen müssen, weitere Wege und längere Wartezeiten sind vorprogrammiert.“

Ein weiterer Grund für die beabsichtigte Schließung des Instituts für Pharmazie könnte fernab jeglicher sachlicher Kriterien liegen. Das Rektorat, so spekulieren Personen innerhalb wie außerhalb der Fachschaft, könnte darauf hoffen, dass Kammern und Verbände ihr Gewicht in die Waagschale legen und Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger in Dresden ausüben, einer Schließung des Instituts nicht zuzustimmen. Fraglich wäre dann jedoch, ob das Rektorat stattdessen nicht an anderer Stelle massiv kürzen müsste.

Unterdessen nutzen die Studenten ihrerseits die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, um gegenüber der Uni-Leitung ihren Unmut auszudrücken. So zogen Mittwochvormittag etwa 200 Studenten der Pharmazie und solche, die sich mit ihnen solidarisieren, zum Rektorat und der dort stattfindenden Pressekonferenz, um vor den Augen und Ohren der Pressevertreter mit Trillerpfeifen und Plakaten gegen die Kürzungen zu protestieren. Am Abend fand eine Krisensitzung unter Beteiligung von Professoren, Studenten und Vertretern von Kammer und Verband statt, auf der über das weitere Vorgehen beratschlagt wurde. „Momentan mobilisieren wir unsere Partner in Forschung und Beruf, denn der Wegfall der Pharmazie in Sachsen wird weite Kreise ziehen und einige Krater hinterlassen. Das darf nicht passieren. Wir richten unseren Protest aber nach Dresden, denn dort gehört er hin“,  erklärt Christin Nitzschke vom Fachschaftsrat.

Derweil laufen die Spekulationen, welche Studiengänge oder Institute in der nächsten Kürzungsrunde für 2015, wenn weitere 24 Stellen gestrichen werden sollen, betroffen sein könnten, auf Hochtouren. So äußerte Frank Zöllner, der Dekan der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften, gegenüber LVZ-Online die Befürchtung, dass es in einigen Jahren die Ethnologie und Musikwissenschaft treffen könnte. Dicke Luft ist also vorprogrammiert.

Ausgabe: 
Autor(en): 

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <span> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Jede E-Mailadresse wird so verschleiert, dass sie für Menschen lesbar und verständlich bleibt. Wenn JavaScript aktiviert ist, wird sie durch eine spamsichere anklickbrare Verknüpfung ersetzt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.