Nach der Rezension von „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ kam die bittersüße Ostalgie und mit ihr der Wunsch zu einem Gespräch mit der Autorin Daniela Krien. student!-Redakteurin Angelique Auzuret sprach mit ihr über ihr Romandebüt, Wendeehrlichkeit und brüchige Lebensgeschichten.
student!: Für ihren Erstlingsroman erhielten sie den 1. Platz des Jungen Literaturpreises Pfaffendorf. Wie würden sie die sonstige Resonanz auf ihr Buch beschreiben?
Krien: Die Resonanz war erfreulich groß. Die Meinung der Presse war geteilt. Während einige wenige Gegner mit dem erwarteten Kitschvorwurf kamen, las ich von jenen Kritikern, die das Buch wohlwollend oder sogar begeistert rezensierten, oft eine Art Rechtfertigung dafür, dass sie das Buch trotz der starken Gefühle, die darin beschrieben werden, gut fanden. Offensichtlich ist es schwer für einen Kritiker, eine Regung außerhalb des kritischen Bewusstseins zuzulassen. Das war abzusehen. Ich verzichte in dem Buch darauf, Liebe ironisch zu brechen, und das widerspricht dem Zeitgeist extrem. Mein Buch ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme in der Gegenwartsliteratur und wird darum misstrauisch beäugt. Die schönsten Reaktionen kamen von Lesern und Buchhändlern. Ich bekam viele, sehr schöne Leserbriefe.
student!: In ihrem Buch beschreiben sie das Schicksal der Menschen in der DDR. Wie stehen sie selbst zu dem Leben in der DDR und inwieweit verarbeiten sie ihre eigenen Erlebnisse in ihrem Buch?
Krien: Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen und konnte mir als Kind kein anderes Leben als dieses vorstellen. Ich hatte viele Freiheiten und war glücklich. Erst später, als ich in die Christenlehre ging, begann ich ein Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und Alternativen zu entwickeln. Als man mich schließlich mit 12 Jahren für sechs Wochen in die Pionierrepublik Wilhelm Pick schickte, wurde mir schlagartig klar, dass ein Staat, der seine Kinder derart indoktriniert, nicht nur Gutes für seine Bürger wollen kann. Von da an empfand ich die DDR als extrem einengend. Meine ganze Familie war nicht besonders politisch. Niemand war in der Partei. Aber ich dachte plötzlich darüber nach, dass ich hier nicht raus kam, nie nach Italien oder Amerika reisen würde. Ich beschloss – sehr naiv – später einen Ausreiseantrag zu stellen. Zum Glück fiel die Mauer, bevor es dazu kommen konnte. Für mein Buch allerdings sind die DDR-Erfahrungen zwar wichtig, aber wichtiger noch waren die Kenntnisse über das Dorfleben. Die engen Denkstrukturen und eingefahrenen Lebensmuster, das Schweigen, all das. Tatsächlich verarbeite ich auch eigene Erlebnisse in meinem Buch. Schließlich schreibt man am besten über Dinge, die man kennt. Die Szene, in der Mutter und Tochter den Unfall mit dem Trabant haben, weil die Mutter den Schlüssel aus dem Schloß zieht, ist beispielsweise so ein reales Erlebnis. Aber alle realen Erlebnisse werden im Buch in einen völlig anderen Kontext gestellt.
student!: Das Leben nach der Wende ist in ihren Werken sehr präsent. Was reizt sie gerade daran und warum schreiben sie über etwas das bereits 20 Jahre her ist?
Krien: Der gesellschaftliche und politische Bruch durch den Mauerfall war extrem. Arbeitsbiographien wurden jäh beendet oder stark verändert, das Leben wandelte sich von einem Tag auf den anderen. In dieser Ausnahmesituation konnte man viel gewinnen oder verlieren. Ich habe dieses Thema zum jetzigen Zeitpunkt aufgegriffen, weil ich glaube, dass man einen größeren zeitlichen Abstand braucht, um zu verstehen, warum die Dinge so gekommen sind - im Guten wie im Schlechten. Erst jetzt ist eine gewisse Ehrlichkeit möglich.
student!: Bisher haben sie ihre Kurzgeschichten nur online veröffentlicht. Werden sie auch bald in Buchform erscheinen?
Krien: Geplant ist bisher nichts. Und Verlage veröffentlichen nicht so gerne Kurzgeschichten, weil sie sich schlechter als Romane verkaufen. Aber wer weiß, vielleicht wird es irgendwann eine Sammlung der besten Kurzgeschichten in Buchform geben.
student!: Von Kurzgeschichten zum Roman. Wie kam es zum Genrewechsel? Und was waren die Schwierigkeiten dabei?
Krien: Die Kurzgeschichten waren für mich stets eine gute Übung. Ich habe schon mehrmals mit dem Schreiben eines Romans begonnen, aber meist wieder alles verworfen, entweder weil die Geschichte stockte oder weil sie nicht gut genug war. Beim Roman ist es viel schwieriger, die Fäden der Figuren in der Hand zu behalten und eine logische Abfolge zu generieren. Zum Beispiel muss man aufpassen, dass die Häuser in jedem Kapitel wieder an ihrem Platz stehen oder dass das Wetter stimmt. Das hört sich seltsam an, aber eine der Schwierigkeiten bei literarischen Langformen ist die Logik der fortschreitenden Handlung. Und das Halten der Spannung, der dramatische Bogen.
student!: Zusammen mit ihrem Mann gründeten sie die Produktionsfirma "amadelio film" und veröffentlichten dort bereits mehrere Filme. Bleibt da überhaupt Zeit zu schreiben?
Krien: Es ist schwierig, aber weniger wegen der Arbeit in der Firma, sondern vielmehr wegen meiner zwei Kinder, die schließlich auch versorgt werden müssen. Die Firma ist hauptsächlich die Sache meines Mannes. Ich kümmere mich um den Filmschnitt und schreibe das Drehbuch. All das beansprucht im Jahr ca. 2 Monate, während derer ich intensiv an Filmen arbeite. Wenn ich aber wirklich Ruhe zum Schreiben haben muss, fahre ich in die Gegend um das Muldental und quartiere mich dort in Pensionen oder Künstlerhäusern ein.
student!: Könnten sie sich vorstellen ihren Roman auch zu verfilmen?
Krien: Ich kann es mir vorstellen. Allerdings würde ich darauf bestehen, das Drehbuch selber zu schreiben. Sollte das nicht möglich sein, würde ich darauf verzichten. Ich möchte keine Verfilmung um jeden Preis. Ich will mein Buch nicht in einen kitschigen Film verwandelt sehen. Doch glaube ich, dass sich das Buch gut eignen würde. Die Sprache im Buch erzeugt starke Bilder und auch beim Schreiben kamen zuerst die Bilder, und mit der Beschreibung dieser Bilder dann die passenden Worte.
student!: Ihre Figurencharaktere sind meist gescheiterte Existenzen, wie beispielsweise die Romanfigur Henner. Warum treten gerade diese in den Mittelpunkt?
Krien: Ich persönlich sehe das nicht so. Figuren müssen Brüche haben, um Spannung zu erzeugen, doch das heißt nicht, dass sie gescheitert sind. Gerade die Hauptfigur Maria ist ja keineswegs gescheitert. Maria befindet sich im Umbruch vom Mädchen zur Frau, sie sieht einer - wenn auch im Nebel liegenden - Zukunft entgegen. Henner dagegen kann mit der Zukunft tatsächlich nichts mehr anfangen. Was beide verbindet ist ihr Außenseitertum. Doch Marias Außenseiterrolle hat andere Gründe. Sie ist gebrochen, er aber ist innerlich zerbrochen, das ist ein wichtiger Unterschied.
student!: In ihrem Buch zitieren sie den Dichter Georg Trakl. Warum findet gerade er Erwähnung darin?
Krien: Trakl ist einer meiner Lieblingsdichter. In seinen Versen geht es oft um Schuld, Tod, Finsternis. Dass Maria immer wieder diese Verse wiederholt, verweist auf das Unheilvolle in ihrer Beziehung zu Henner.
student!: Sie selbst studierten Kulturwissenschaften und KMW an der Uni Leipzig. Was brachte sie dazu Buchautorin zu werden?
Krien: Schriftstellerin zu werden war tatsächlich ein Kindheitstraum, von dem ich jedoch nie glaubte, ihn mir erfüllen zu können. Ich habe immer schon geschrieben, aber nie versucht, etwas zu veröffentlichen. Diese frühen Schreibversuche hatten allerdings auch keine Qualität. Also studierte ich. Nachdem ich mein Studium kurz vor dem Abschluss wegen der Kinder abgebrochen hatte, sah ich keine Berufsperspektive mehr. Aus dieser Verzweiflung heraus fasste ich den Mut, das Schreiben noch einmal neu und ernsthafter anzugehen.
student!: Was planen sie für die Zukunft? Wird bald eine weitere Veröffentlichung folgen?
Krien: Ich arbeite momentan an einem neuen Roman. Allerdings steckt er noch in den Kinderschuhen. In knapp drei Wochen - wie den ersten Roman - werde ich ihn nicht fertigstellen. Vielleicht werden es diesmal drei Jahre.
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