Der Mais kitzelt meine Beine; mein Kleid bleibt an den Blättern hängen. Ich lasse meine Hände darübergleiten, die ganz fühllos sind nach dem Besuch bei der Mutter.
Den Henner sehe ich schon von Weitem. Er steht auf der Pferdekoppel, trägt abgewetzte Reitstiefel, eine enge braune Hose und ein ursprünglich weißes, doch jetzt sehr schmutziges Hemd. Die Doggen liegen träge im Schatten eines Apfelbaums. Letztes Jahr, so sagte es die Marianne, haben sie sogar eines seiner Fohlen gerissen. Da hat er sie mit dem Stock verprügelt, bis sie heulten. Ich gehe langsam und denke an die Mutter; sie hat so traurig ausgesehen. Was soll aus ihr werden ohne den Vater, ohne Arbeit, bei den Schwiegereltern im Haus? Es ist ihre Traurigkeit, die mich aus dem Haus getrieben hat. Die saugt mir die Kraft aus dem Körper und die Freude aus dem Herzen.
Der Henner ist wirklich ein schöner Mann. Letztens im Laden fi el mir das auf: ein grober, massiger Körper, mit einer steten Kraft in den Bewegungen, doch das Gesicht ganz fein. Die Augen tief und ausdrucksvoll und dunkel, kleine Falten rundherum, ein bitterer Zug um den Mund, doch wenn er lächelt, ist davon nichts mehr zu sehen. Man sieht ihm das Trinken nicht an.
Da dreht er sich plötzlich um. Die Doggen springen wie auf ein unsichtbares Kommando hoch und sind mit wenigen Sätzen am Koppelzaun. »Henner! «, schreie ich, »hol sie zurück!« Er lacht und wirft den Kopf nach hinten. »Die mögen keine mageren Mädchen!«, ruft er mir zu, pfeift jedoch nach ihnen.
Mir zittern die Beine, mir ist so, die Marianne würde sagen, blümerant zumute, ich sacke auf den Boden, und da kommen mir die Tränen in Strömen. Ich weiß nicht, was mir geschieht, ich weine und weine und halte die Arme vors Gesicht und komme erst wieder zu mir, als ich die Hände vom Henner fühle und mich sein herber, schwerer Männergeruch viel zu dicht umhüllt. Er streicht mir über den Kopf – niemals hätte ich ihm eine solche Sanftheit zugetraut – und zieht mich langsam nach oben. Ich wage nicht, die Augen zu öffnen, und er fl üstert beruhigend auf mich ein: »Ist schon gut, Maria, es ist nichts passiert, ist gut, ich bring dich jetzt zum Hof.« Ich kann kaum gehen, er hält mich im Arm, und seine Hand berührt meine Brust. Das fühlt sich an wie ein Brandmal. Ich bleibe stehen. Er sagt:
»Schschtt …«, hält meinen Arm fest und streicht in einer einzigen fl ießenden Bewegung mit seiner Hand von meinem Hals abwärts über die Brust, den Bauch, hinab zum Oberschenkel und dann ein bisschen höher. Ich reiße mich los und renne, doch schon hat er mich wieder, und diesmal sieht er mich anders an. »Es tut mir leid«, sagt er, »ich wollte dich nicht erschrecken, es tut mir wirklich leid, sag’s niemandem, Maria, hörst du?« Dann hält er mich mit ausgestreckten Armen fest und redet leise weiter: »Es ist doch nichts passiert, es ist nichts passiert!« Ich nicke stumm, er lässt mich los, ich gehe und drehe mich nicht mehr um.
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