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Arbeiterkinder im Abseits?

Wer als Erster seiner Familie ein Studium beginnt, hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen

Der Hörsaal ist voll. Richtig voll. Soll heißen, zu voll, um noch einen Sitzplatz erhaschen zu können. Aber immerhin hat Freya den Hörsaal überhaupt gefunden. Das will was heißen, denn die Orientierung in ihrer neuen Heimatstadt Dresden ist ihr am Anfang schwer gefallen. Freya Umbach ist 22 und studiert Kunst und Englisch auf Lehramt. Sie ist die Erste in ihrer Familie, die eine Hochschule besucht. „Als ich auf das Gymnasium kam, wusste ich schon, dass ich studieren will. Was genau, entschied ich allerdings erst recht spät“, erinnert sie sich. Ihren Eltern, einem Grafiker und einer medizinisch-technischen Assistentin, sei auch schon immer klar gewesen, dass sie auf die Uni gehen werde und sie seien glücklich mit Freyas Wahl, versichert sie. „Meinem Stiefvater, einem bodenständigen Handwerker, fiel es allerdings schwer, meine Fachwahl ernst zu nehmen.“

Deutschland macht keine gute Figur, wenn es um Chancengleichheit in der Bildung geht. Zwar hat die Zahl der Studenten nach Angaben des statistischen Bundesamtes im aktuellen Wintersemester mit 2,2 Millionen Eingeschriebenen einen neuen Höchststand erreicht. Doch noch immer, so scheint es, bestimmt neben Talent und Fleiß vor allem das Elternhaus darüber, wer studiert und wer nicht.

Die viel zitierten und zugleich gefürchteten Pisa-Studien zeigen, dass das Bildungssystem hierzulande stark selektiert: Kinder aus Akademikerhaushalten besuchen sieben mal häufiger das Gymnasium als Kinder, deren Eltern einen Facharbeiterabschluss haben. Selbst bei gleichen Lese- und Rechenfähigkeiten liegt die Quote noch bei vier zu eins. Dieses Missverhältnis setzt sich beim Studium fort. Laut der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes von 2007 beginnen  stolze 83 Prozent aller Akademikersprösslinge ein Studium, aber nur 17 Prozent aller Arbeiterkinder.

 „Arbeiterkind? Ein merkwürdiger Begriff, klingt nach Klassenkampf“, mag der geneigte Leser jetzt denken. Für Katja Urbatsch ist er jedoch genau richtig. Sie gründete 2004 die Initiative Arbeiterkind und dachte sich deren Namen selbst aus. „Ich wollte einen Begriff finden, der die fragliche Gruppe konkret benennt. Bislang gab es nur beleidigende Bezeichnungen wie ,bildungsfern´ oder negativierende wie ,nicht-akademisch´“, so Urbatsch zu student!. „Aber was man nicht konkret benennen kann, das existiert für die meisten auch nicht.“
Im Übrigen nähmen die Betroffenen den Begriff mit Humor auf. Ein Arbeiterkind an der Uni, das ist für Urbatsch und ihre Mitstreiter jemand, der als erstes Mitglied seiner Familie ein Studium aufgenommen  und dabei oft mit Problemen zu kämpfen hat. Was bedeuten die verschiedenen akademischen Titel? Muss ich sie alle aufzählen, wenn ich meinen Dozenten anspreche? Was verbirgt sich hinter den Kürzeln „c. t.“ und „s. t.“ bei den Vorlesungsterminen? Wer solche Fragen hat, an der neuen Uni noch niemanden kennt und sich auch bei Verwandten keinen Rat holen kann, fühlt sich oft verloren.

Deshalb schickt die Initiative  deutschlandweit Mentoren an Schulen, um dort über Studienmöglichkeiten und den Unialltag zu informieren. In 80 Ortsgruppen arbeiten insgesamt etwa 3.000 ehrenamtliche Mentoren, die Arbeiterkinder bei ihren ersten Schritten in Richtung Hochschulabschluss betreuen. Die meisten von ihnen, erzählt Torsten Preuss, stammen selbst aus nicht-akademischen Familien. Der 30-Jährige studierte Politikwissenschaften in Leipzig und war bis vor kurzem der Leiter der Leipziger Mentorengruppe. Er selbst, so erinnert er sich, wollte eigentlich gar nicht studieren. „Meine Eltern drängten mich dazu, weil ich es später mal besser haben sollte.“ Preuss Mutter absolvierte in der DDR ein Fachhochschulstudium, doch bei der Eingewöhnung an einer bundesdeutschen Uni konnte sie ihrem Sohn nicht helfen. „Die akademischen Gepflogenheiten, die Diskussionskultur in den Seminaren, das war neu für mich“, so Preuss. Er habe Zeit gebraucht, sich zurechtzufinden, doch es sei ihm gelungen, vor allem dank der Hilfe durch den Fachschaftsrat. Er glaubt auch, dass es vielen seiner Kommilitonen ähnlich gegangen sei, allerdings: „Über so etwas redet man nicht. Die wenigsten gehen auf Fremde zu und erzählen, dass sie sich allein gelassen fühlen.“ Hier kommen die Mentoren ins Spiel. Die Leipziger Gruppe besteht aus vier bis sechs aktiven Ehrenamtlichen. Diese behandeln die Probleme ihrer Schützlinge vertraulich und suchen dringend Verstärkung.

Einer der Mentoren ist Martin Kaleta. Wenn er junge Studenten berate, gehe es „häufig um Fragestellungen rund um das Thema des wissenschaftlichen Arbeitens, des Zeitmanagements und des Verfassens von Abschlussarbeiten. Meine Kollegen kümmern sich aber um vieles mehr. Wir geben Ratschläge zum Auslandsstudium, zu Praktika, Stipendien und zum bürokratischen Chaos, das einem jungen Menschen an der Uni sehr häufig begegnet“, erläutert der 30-Jährige.

Kaleta studierte Philosophie und Soziologie in Bremen. Als er seinen Eltern - der Vater ist Tischler, die Mutter Chemielaborantin - seine Zukunftspläne eröffnete, reagierten sie sehr erstaunt, „obwohl sie keine richtige Vorstellung von meinen Studienfächern hatten. Generell wurde ich von allen Seiten mit der Frage konfrontiert ,Und was willst du damit in Zukunft machen?´“, erinnert er sich.

Auch Freya meint: „Da habe ich noch Glück, dass ich Lehramt studiere und somit direkt auf einen Beruf hinarbeite. Ich denke, mit einem normalen Bachelor in Anglistik hätte ich zu Hause niemanden beeindrucken können. Bodenständige Arbeit ist immer noch die beste. Ich glaube, es wird eher akzeptiert, wenn man einen Beruf wie Steuerberater wählt, der Geld bringt. Das hätte die Familie meines Stiefvaters bestimmt besser gefunden als Lehrerin.“

Laut Urbatsch ist diese Reaktion typisch. Geistige Arbeit werde in nicht-akademischen Kreisen oftmals nicht ernst genommen. Das bringe die Arbeiterkinder in Konflikt mit ihren eigenen Studienwünschen. „Einerseits wehrt man sich gegen diese Sprüche, andererseits hat man diese Wertvorstellungen aus der Kindheit verinnerlicht, dass zum Beispiel Philosophie keine Arbeit ist. Man muss sich vor der eigenen Familie rechtfertigen, aber man muss sich auch vor sich selbst rechtfertigen“, erklärte sie in einem Interview mit süddeutsche.de. Die Mentalität, dass ein jeder zu bleiben habe, wo er ist, hindere viele intelligente Jugendliche am Studium. Besser, so Urbatsch, sehe es da in den USA aus.

Dort gibt es den Begriff der „first generation students“. „Vermutlich zeigt sich an dieser Stelle noch der amerikanische Pioniergeist, der Gedanke, dass jeder alles schaffen kann, wenn er sich nur richtig anstrengt. In Deutschland neigt man dagegen wohl mehr zum Schwarzsehen“, so Urbatsch gegenüber student!.

Oftmals scheitert der Studienwunsch aber nicht an der Skepsis der Eltern, sondern am schnöden Mammon. Wie auch in der aktuellen student!-Ausgabe unter „Thema“ nachzulesen ist, gibt es eine Menge Möglichkeiten, sich sein Studium zu finanzieren. Doch sie alle scheinen nicht auszureichen, um mehr Arbeiterkinder an die Universitäten zu holen.

Im Jahr 2009 erhielten 550.000 Studenten Bafög, also etwa jeder Vierte. Im Durchschnitt wurden sie mit 434 Euro im Monat gefördert. Urbatsch weiß: „Die Bearbeitung der Anträge kann sich ziehen. Wir haben bei arbeiterkind.de gerade wieder sehr viele Fälle, in denen Studenten die Kaution für ihr Wohnheim einfach nicht zahlen können. Es wird immer davon ausgegangen, dass Studenten von zu Hause finanzielle Unterstützung haben.“ Und: „Die Bafög-Regelung ist zu wenig aus der Perspektive von Menschen gedacht, die gar kein Geld auf der hohen Kante haben.“

„Oftmals kommen Akademiker- und Arbeiterkinder nicht zusammen, da sie ganz unterschiedliche Erfahrungen machen. Der eine kann unbeschwert das Prüfungsende feiern und ausgehen. Der andere muss am nächsten Tag wieder früh aufstehen, weil sein Nebenjob viel Zeit und Kraft kostet und er sich vielleicht auch noch beim Bafögamt anstellen muss“, ergänzt Preuss.

Freya kann diese Einschätzung nicht teilen. „Nein, ich habe nicht das Gefühl, dass die anderen mir irgendwie voraus wären oder einen Vorteil hätten. Hier sind generell andere Werte wie Selbstständigkeit und Durchhaltevermögen wichtig. Die haben nichts mit den Berufen von Mama und Papa zu tun.“

Neuesten Zahlen zufolge ist der Anteil der Arbeiterkinder, die ein Studium beginnen, mittlerweile leicht auf 24 Prozent gestiegen. Sie gehen an Hochschulen, die mit dem Ansturm der Erstsemester oft überfordert sind. Ist es wirklich klug, gerade jetzt Arbeiterkinder zum Studium zu ermuntern? „Es wäre kurzsichtig, wenn wir uns nicht mehr um sie bemühen würden", so Urbatsch. „In ein paar Jahren wird der Fachkräftemangel sich voll entfalten und dann werden alle nach ihnen rufen.“

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