Jahre lang Diktator in Libyen. In diesem Sommer wurde er im Zuge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ von Aufständischen mit Hilfe der Bombenunterstützung der Nato aus dem Amt vertrieben. Der Umsturz in Libyen hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf den arabischen Raum, sondern betrifft auch Afrika und die dortige Politik in erheblichem Maß. Der Leipziger Afrikanistikprofessor Helmut Asche erklärt im Gespräch mit student!-Redakteur Robert Briest, warum.
student!: Welche Rolle spielt der Sturz Gaddafis für Afrika?
Asche: Es ist tatsächlich auch eine afrikanische Frage und das wird im gesamten subsaharischen Afrika so gesehen. Wir nehmen Gaddafi vor allem als den schlimmen Diktator wahr, der er war. Seine Rolle im subsaharischen Afrika ist jedoch viel ambivalenter.
student!: Wie sah diese aus?
Asche: Auf der einen Seite hat er üble Diktatoren gestützt, zum Beispiel Afewerki in Eritrea oder früher Charles Taylor in Liberia. Das fällt jetzt weg und kann der Region mehr Stabilität bringen. Aber so einfach ist die Geschichte nicht: Das fängt bereits im Sahel an, wo Gadaffi, nach allem, was wir wissen, eine konstruktive Rolle bei der Befriedung diverser Tuareg-Rebellionen gespielt hat, die insbesondere im Niger und in Mali zu großer Unruhe geführt hatten. Und Gaddafi hatte ein genuines Interesse am Ausbau der Afrikanischen Union (AU).
student!: Woher stammt dieses Interesse?
Asche: Wie bei allen Aktivitäten von Gaddafi in Afrika ist es recht müßig darüber zu spekulieren, wie viel davon genuines Interesse an der panafrikanischen Einigung war und wie viel auf das Konto seiner bizarren Großmannssucht ging. Das ist nicht wirklich zu trennen.
student!: Welche Auswirkungen hat Gaddafis Herrschaftsverlust auf die AU?
Asche: Die subsaharischen Mitglieder der AU sind jetzt viel stärker auf sich allein gestellt und müssen nun auch ihre Institutionen und Operationen weitgehend selber finanzieren. Es ist bis zum heutigen Tage ein großes Problem, dass die nordafrikanischen Länder zu den großzügigsten Financiers der AU-Operationen zählen, obwohl sich deren größter Teil im subsaharischen Raum abspielt. Dies fällt jetzt, zumindest was Libyen angeht, erstmal weg. Insofern sind jetzt andere Kräfte gefordert, einzuspringen.
student!: Welche Staaten kommen da in Frage?
Asche: Finanziell betrifft das natürlich in erster Linie die Erdölstaaten Angola, Nigeria und Sudan sowie Südafrika. Politisch wird damit gerechnet, dass Nigeria jetzt stärker in eine Führungsrolle im afrikanischen Einigungsprozess gedrängt wird. Deren politische Führung hatte sich mit Gaddafi nicht verstanden und steht jetzt in der Verantwortung. Südafrika wird dies unter der Regierung Zuma weniger zugetraut.
student!: In Libyen arbeiteten viele ausländische Arbeitskräfte, die sich jetzt dem Generalverdacht des Söldnertums ausgesetzt sehen und das Land verlassen.
Asche: Es gibt zwar keine verlässlichen Zahlen, aber soweit wir es mitbekommen, sind schon hunderttausende Arbeitskräfte aus Libyen in ihre schwarzafrikanischen Heimatländer, insbesondere in der Sahelzone, zurückgekehrt. Dort erhöhen sie natürlich den Druck auf den Arbeitsmarkt und lassen zugleich die Summe der Rücküberweisungen sinken, von denen bisher viele Familien gelebt haben. Und einige Rückkehrer waren tatsächlich bewaffnet und militärisch trainiert und kehren nun als Unruhefaktor in ihre Heimat zurück.
student!: Welche wirtschaftliche Bedeutung hatte Gaddafi für Afrika?
Asche: Die alte libysche Regierung hatte ein weit gefächertes Portfolio von Direktinvestitionen und Entwicklungsprojekten in Dutzenden afrikanischen Ländern. Dazu zählen beispielsweise eine Hotelkette, mehrere Tankstellenketten, Telefongesellschaften und Landwirtschaftsbetriebe. Einige dieser Gesellschaften machen Gewinn und werden sicherlich auch von der neuen Regierung weitergeführt werden. Die kritischere Frage ist, ob Gesellschaften, wie die ugandische Telefongesellschaft, und etliche Entwicklungsprojekte, die defizitär sind und zu einem guten Teil politisch motiviert waren, weitergeführt werden. Dies ist alles andere als sicher und das kann für einige afrikanische Länder kritisch werden.
student!: Gibt es diesbezüglich schon Signale seitens der neuen Regierung?
Asche: Es deutet vieles daraufhin, dass die neue Regierung das schwarzafrikanische Engagement sehr viel kritischer bewerten und erstmal eine Konzentration auf das eigene Land verfolgen wird. Zudem eine der geläufigsten und nicht unberechtigten Kritiken an Gaddafi war, dass er sein Geld überall in der Welt investiert hat – wenn er es nicht schlichtweg für seinen Clan beiseite geschafft hat –, aber nicht in die Entwicklung des eigenen Landes.
student!: Gäbe es Akteure, die im Falle des Wegfalls der libyschen Entwicklungshilfe einspringen könnten?
Asche: Es wird Partner geben, die politisch in die Lücke gehen. Ohnehin haben die afrikanischen Regierungen seit Jahren mehr politischen Spielraum bekommen, da sich die Welt multipolarer aufstellt. Mit China, Indien, Brasilien, Südkorea und der Türkei sind zahlreiche neue Partner hinzugekommen, die in Afrika sowohl Geschäfte als auch Entwicklungshilfe machen. Dadurch können die afrikanischen Regierungen auch viel leichter gegenüber dem Westen „nein“ sagen.
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