Der elfjährige Oskar (Thomas Horn) hat durch die Anschläge auf das World Trade Center seinen Vater (Tom Hanks) verloren. Seitdem plagen ihn die Ängste – Angst vor Brücken, Angst vor Flugzeugen, Angst vor alten Menschen und die Angst, bei einem Anschlag in die Luft gejagt zu werden. Als er im Schrank seines Vaters in einer Vase einen geheimnisvollen Schlüssel findet, ist er der festen Überzeugung, dass es sich um ein geheimes Zeichen von seinem Vater handelt. Mit Gasmaske, Tamburin und Saftpäckchen im Rucksack begibt er sich auf die Suche nach dem zugehörigen Schloss und dem Geheimnis, das er dahinter vermutet.
Der britische Regisseur Stephen Daldry hat den hochgelobten gleichnamigen Roman von Jonathan Safran Foer weitestgehend gelungen umgesetzt. Besonders die erste Hälfte des Films kann die Balance zwischen Sentimentalität und schelmischem Humor halten und wird damit der literarischen Vorlage gerecht. Leider wird aber in der zweiten Hälfte die Tränendrüse arg überstrapaziert und der zuvor raffiniert angelegte Plot, der die Traumata von 9/11 mit der Bombardierung von Dresden verwebt, auf pure Gefühlsduselei reduziert. Da jagt eine bebende Unterlippe die andere und im Hintergrund werden die Streichinstrumente ausgepackt.
Trotzdem gibt es zwei gute Gründe, den Film zu sehen. Am unteren Ende des Altersspektrums brilliert Thomas Horn. Seine Darstellung des hochintelligenten, aber sozial gestörten und schwer traumatisierten Jungen geht unter die Haut. Oskar zeigt Symptome des Asperger-Syndroms, einer Form des Autismus, und ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Kinder auf der Kinoleinwand nicht zwangsweise in eine der Kategorien „süß“ oder „nervig“ fallen müssen. Sein älterer Gegenpart, Max von Sydow als mysteriöser Untermieter von Oskars Großmutter, wurde zu Recht für einen Oscar als bester Nebendarsteller nominiert. Dabei spricht er im kompletten Film kein einziges Wort und kommuniziert nur über Notizzettel und die Tattoos auf seinen Handinnenflächen – „Yes“ und „No“.
In dieser spannenden Zweierkonstellation erscheint Sandra Bullock in der Rolle der Mutter fast wie ein störender Fremdkörper. In hochemotionalen Szenen wirkt ihr Gesicht immer merkwürdig unbewegt, so dass man sich Gedanken darüber machen muss, wie genau sie ihren jugendlichen Teint erhält. Auch Tom Hanks spielt in den zahlreichen Rückblenden den einfühlsamen Vater zwar nett, so richtig überspringen will der Funke aber nicht.
Wenn man diese Wermutstropfen hinnimmt, bleibt ein berührender Film mit vielen eindrucksvollen Bildern von New York und seiner Bevölkerung. Ob es allerdings bei der starken Konkurrenz in diesem Jahr für den Oscar in der Kategorie „Bester Film“ reicht, erscheint fraglich. Kleiner Tipp: Wer nah am Wasser gebaut ist, packt besser die Taschentücher ein.
Ab 16. Februar im Kino
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