Die Qual der Wahl hat Sachsens Jugend bei der Auswahl eines Radioprogramms nicht. Für diese Zielgruppe gibt es mit MDR Jump und Radio NRJ zwei Angebote. Beide versuchen mit populär ausgerichteten Sendeformaten eine breite Hörerschaft abzudecken. Mehr als 3.500 junge Sachsen sind unzufrieden mit den angebotenen Radiosendern und unterstützen deshalb die Dresdener Initiative Biss FM.
Biss FM - Das sind Nachwuchsjournalisten und verschiedene Akteure der sächsischen Pop- und Jugendkultur, die sich seit Anfang 2009 für die Einführung eines alternativen Jugendradios in Sachsen einsetzen. „Wir wollen einen Sender mit anspruchsvoller Informationsvermittlung, der Beiträge zur politischen Bildung und zu regionalen Themen ausstrahlt und Musik aus Nischenbreichen sendet“, erklärt Sebastian Schwerk, Sprecher von Biss FM, das Ziel der Initiative.
Um sich auf politischer Ebene Gehör zu verschaffen, sammelten Schwerk und seine Kollegen seit März Unterschriften für ein anspruchsvolles Jugendradio und reichten Ende Juni eine Sammelpetition beim Sächsischen Landtag ein. „Wir hoffen, dass wir durch diese Aktion direkt mit den neuen Abgeordneten verhandeln können“, so Schwerk.
Besonders ärgerlich sei, dass der Mitteldeutsche Rundfunk mit MDR Sputnik ein innovatives Radioprogramm für Jugendliche anbiete, dieses aber über UKW nur in Sachsen Anhalt und Leipzig zu empfangen sei. Im restlichen Sachsen kann man MDR Jump und Radio NRJ hören und von dessen Programm ist Schwerk nicht begeistert: „Da kommen neben Klatsch und Tratsch nur die Verkehrsmeldungen und der Wetterbericht. Die Musik läuft in einer Dauerschleife und der Werbeanteil ist sehr hoch.“ Interessen von Minderheiten wären durch die beiden sächsischen Jugendradios nicht erfüllt. „Einige unserer Mitglieder wollen später als Journalist tätig sein“, so Schwerk weiter, „aber die Aussicht bei Jump die CDs zu wechseln, ist nicht gerade verlockend.“
Auf derartige Kritik reagiert MDRHörfunkdirektor Johann Michael Möller gelassen (siehe Kurzinterview „Nachgefragt“). Mit dem Freiwerden der sächsischen Frequenz von Radio BBC und Radio France Ende 2008 sahen Schwerk und seine Kollegen ihre Chance für ein zusätzliches Jugendradio nach dem Vorbild von MDR Sputnik oder Radio Fritz gekommen. Der alternative Berliner Musiksender Motor FM meldete sein Interesse an. Doch zur Enttäuschung der Biss-FM-Mitglieder wurde die Frequenz von der Sächsischen Landesmedienanstalt (SLM) nicht ausgeschrieben. „Frequenzen werden ausgeschrieben, wenn die landesweiten Programme keine Versorgungslücken haben“, erklärt Martin Deitenbeck, Pressesprecher der SLM, das Verfahren. Die Frequenz in Leipzig sei aus diesem Grund an Radio RSA vergeben worden, da Radio Mephisto von zehn bis zwölf Uhr deren Frequenz belege und somit Werbeeinnahmen verloren gingen. Ein zusätzliches Problem bei der Vergabe von Frequenzen sei, laut Deitenbeck, die geplante Umstellung auf Digitalradio im Jahr 2014. „Frequenzen haben eine gesetzliche Mindestlaufzeit von acht Jahren. Aufgrund des Abstelldatums können wir nicht für acht Jahre lizenzieren und deshalb keine Frequenz vergeben“, so Deitenbeck.
Ein weiteres Jugendradio in Sachsen halte Deitenbeck für vorstellbar. „Ich bin mir bewusst, dass mit dem derzeitigen Radioangebot nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden. Doch um es klar zu sagen; das Band ist voll. Man kann deshalb nur auf die Digitalisierung setzen. Dann haben wir Platz für alternative Programme.“ Eine Umstellung von UKW- auf Digitalradio sei laut Deitenbeck in den nächsten Jahren unrealistisch. „Ich rechne mit einer Verlängerungsfrist vom Landtag“, so der Pressesprecher der SLM.
Die Mitglieder von Biss FM wollen sich nicht mit Versprechungen in einer unbestimmten Zukunft abservieren lassen. Deshalb plant Schwerk ein regelmäßiges Biss-FMMagazin für Jugendliche im Freien Radio Dresden. Ein erster Schritt zum alternativen Jugendradio wäre damit gemacht.
Katharina Vokoun
Johann Michael Möller, Hörfunkdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks, im Kurzinterview zum Thema Jugendradio in Sachsen
Was bietet das Programm von JUMP den jugendlichen Hörern?
JUMP steht für eine in Deutschland einmalige Musikmischung, für soziale Verantwortung, für demokratische Verantwortung, Gemeinschaftsbildung, aber auch innovative Kommunikation und Service. Wie JUMP schon heute das Radio von morgen versteht und praktisch umsetzt, lässt sich an folgendem Beispiel verdeutlichen: JUMP nahm Ende September den Film „Jenseits der Mauer“ zum Anlass, um mit seinen Hörern darüber zu diskutieren, wie sie die DDR und das Leben vor der Wende heute wahrnehmen. Innovativ daran ist das Kommunikations- Tool, die JUMP LIVEBOX, über welche die Live-Sendung gesteuert wurde. Zahlreiche Hörerinnen und Hörer hatten diese genutzt, um mit eigenen Statements den Verlauf der Sendung aktiv mitzubestimmen. Übrigens: Das JUMP Verkehrszentrum ist eines der leistungsfähigsten Verkehrs-Servicezentren in Deutschland und wurde sogar vom ADAC ausgezeichnet. JUMP ist ein populäres und innovatives Programm für junge Erwachsene und erreicht in Sachsen 35.000 junge Hörer zwischen 14 und 29 Jahre in der durchschnittlichen Werbestunde. Kein anderes Radioprogramm in Sachsen erreicht so viele Hörer in dieser Zielgruppe.
Braucht es in Sachsen neben JUMP und NRJ ein weiteres Jugendradio?
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Warum kann der MDR in Sachsen seinen jungen Hörern nicht ein populäres und ein alternatives Radioprogramm anbieten?
Die Idee, ein Jugendkulturradio wie MDR SPUTNIK auch in Sachsen anzubieten, ist naheliegend. Weil ein JUMP-Hörer andere Erwartungen an das Radio hat als ein MDR SPUTNIK-Hörer und unser öffentlich- rechtlicher Auftrag selbstverständlich darin besteht, alle Alters- und Zielgruppen zu erreichen. Derzeit stehen dem MDR aber dafür in Sachsen keine UKW-Frequenzen zur Verfügung. MDR SPUTNIK war anfangs nur über Mittelwelle und Satellit zu empfangen. 1997 erhielt das Jugendkulturradio von der Staatskanzlei des Landes Sachsen-Anhalt die UKW-Frequenz 104,4 MHz zur terrestrischen Ausstrahlung in und um Halle mit Reichweite bis nach Leipzig. Um auch in Sachsen empfangbar sein zu können, bleibt dem MDR neben der Ausstrahlung über das Internet gegenwärtig nur die Perspektive, MDR SPUTNIK künftig auch über Digital Radio zu verbreiten. Allerdings steht eine Realisierung unter dem Vorbehalt einer Mittelfreigabe durch die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF).