• Kultur
  • „Ein Privileg unserer Generation“

    Leonie Asendorpf

    Der nationalsozialistische Völkermord an über sechs Millionen Juden* ist nun schon über 70 Jahre her. Einer der letzten Überlebenden kommt nun nach Leipzig, um seine Geschichte zu erzählen.

    „The greatest tragedy in human history, the Holocaust and all the genocides, happened because the world stood by and did nothing. As a bystander, you are part of the problem. Be part of the solution “, so ein Zitat des Holocaustüberlebenden Sami Steigmann auf seiner Website. Er hat den Holocaust und die Gräueltaten der Nationalsozialist*innen am eigenen Leib erfahren. 1939 in Czernowitz in der heutigen Ukraine geboren, wurde Steigmann als Kind in das Ghetto Mogilev-Podolsky deportiert. Dort wurde er Opfer medizinischer Experimente von nationalsozialistischen Ärzt*innen. Aktiv erinnern kann er sich daran nicht, doch in seinen Träumen verfolgen ihn die Erlebnisse dieser Zeit noch immer. Nachdem das Ghetto 1944 von der Roten Armee befreit wurde, emigrierte Steigmann 1961 nach Israel und 1988 in die USA, seinen heutigen Wohnort. Von dort aus fliegt er nun um die Welt, teilt seine Geschichte und arbeitet als „motivational speaker“. Am 20. Mai kommt er für ein Zeitzeugengespräch nach Leipzig.

    Organisiert wird die Veranstaltung von der Leipziger Regionalgruppe des Vereins Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Kooperation mit der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig. Seit über 60 Jahren setzt sich ASF für die Aufarbeitung und gegen das Vergessen des Holocausts ein. Doch auch an Aktionen, die sich gegen heutige Formen von Diskriminierung richten, nimmt der Verein teil. Regelmäßige Schul- und Gemeindebesuche sowie Kinderbetreuung von Geflüchteten in Leipzig sind Teil der Vereinsarbeit. Im Zentrum steht jedoch die Aufarbeitung von Geschichte, wie beispielsweise bei der Gedenkdemonstration zu den Novemberpogromen letzten Jahres. „Wenn rechtspopulistische Parteien eine Kehrtwende in der Erinnerungspolitik bezüglich des Holocaust wollen, dann ist es unsere Verantwortung für eben diese Erinnerungsarbeit öffentlich einzustehen“, betont Ella-Marie Beck, Mitglied der Regionalgruppe und Studentin an der Universität Leipzig im Fach evangelische Theologie. Sie sieht es als „Privileg unserer Generation“ mit Holocaustüberlebenden sprechen zu können.

    Die Befreiung der KZ-Häftlinge Ende des Zweiten Weltkriegs ist nun schon über 70 Jahre her. Es gibt immer weniger Menschen, die den Holocaust selbst miterlebt haben. „Wir sehen es als unsere Verantwortung Überlebenden, wie Sami Steigmann, die bereit sind mit uns ihre außerordentlichen Lebensgeschichten zu teilen, einen Raum zu geben, um ihre Erfahrungen und Anliegen vorzutragen“, erzählt Ella-Marie.

    Zeitzeugengespräche wie die in Leipzig gehören zur sogenannten Oral-History-Methode, bei der Menschen, die bestimmte historische Ereignisse oder Epochen miterlebt haben, von diesen erzählen. Im Unterschied zu klassischen Presse-Interviews ist die Idee hinter Zeitzeugengesprächen, keine Fragen zu stellen, sondern die erzählende Person selbst entscheiden zu lassen, was sie für wichtig und erzählenswert hält. Im Gegensatz zu Geschichtsbüchern und geschriebenen historischen Dokumenten bekommen Menschen im persönlichen Kontakt mit Überlebenden einen emotionaleren Zugang zu historischen Ereignissen.

    Am 20. Mai um 19 Uhr wird Sami Steigmann in der Galerie KUB (Kantstraße 18) von seinem Leben erzählen und für Fragen zur Verfügung stehen. Die Veranstaltung ist kostenlos und offen für alle Interessierten. Steigmann spricht auf Englisch, vor Ort gibt es jedoch eine Simultanübersetzung. Weitere Zeitzeugengespräche mit Steigmann finden am 22. Mai in Erfurt und am 23. Mai in Jena statt.

     

    Titelbild: privat

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