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  • Zwischen Jubel und verspielter Gesundheit

    Theresa Moosmann

    Blutende Nasen, Hirntraumata und Kreuzbandrisse: Drei Mannschaftsärzte von Leipziger Bundesligisten sprachen in einem Vortrag am Universitätsklinikum über ihren Arbeitsalltag.

    Es wird still im historischen Hörsaal der Anatomie am Universitätsklinikum Leipzig. Robert Marshall startet das Video, ein Ausschnitt aus einem Fußballspiel. Der Spieler läuft, bremst ab, und sein Bein verdreht sich. Im ganzen Hörsaal ertönt mitfühlendes Stöhnen, viele wenden sich mit schmerzverzerrtem Blick von der Leinwand ab. Dieser Kreuzbandriss, der in der langsamen Wiederholung immer und immer wieder in einem anderen Winkel gezeigt wird, gehört zum täglichen Geschäft von Robert Marshall und Frank Striegler, den Mannschaftsärzten von RB Leipzig. In einem Vortrag, der vom RB-Leipzig-Fanclub Red Campus organisiert wurde, berichteten sie gemeinsam mit dem Mannschaftsarzt des Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig, Pierre Hepp, über den Alltag von Ärzt*innen im Profisport.

    Im Normalfall sehen Zuschauer*innen nur das, was dem Publikum während des Vortrags zunächst gezeigt wurde. Ein Spieler verletzt sich, bleibt auf dem Platz liegen, und muss diesen verlassen. Dann wird es ruhig um ihn, er fällt aus, einige Tage, Wochen und manchmal sogar Monate. Auf Nachfragen von Presse oder Fans reagieren die Mannschaftsärzte nicht – „da gibt es so etwas wie das Arztgeheimnis”, sagt Hepp mit einem Augenzwinkern. Er ist unter anderem Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie am Universitätsklinikum Leipzig. Bei jedem Heimspiel des SC DHfK sitzt er am Spielfeldrand und kümmert sich um verletzte Spieler – auch die der gegnerischen Mannschaft.

    Die deutschlandweite Situation von Verletzungen in den häufigsten Männersportarten werden im Sportreport der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft sichtbar: In der Saison 2017/18 entstanden die meisten Verletzungen im Fußball am Oberschenkel, beim Handball war es das Knie. Der Anteil der eingesetzten Spieler, die sich verletzen, lag bei beiden Sportarten bei etwa 80 Prozent, der Hälfte aller Verletzungen folgte jedoch keine Verletzungspause. Zuständige Ärzt*innen müssen am Spielfeldrand dennoch stets einsatzbereit sein. „Auch eine blutende Nase kann aufgrund des Zeitdrucks zur Schwierigkeit werden“, erklärt Hepp. Zu den schwereren Verletzungen im Fußball gehört etwa ein Kreuzbandriss. Therapiekonzepte werden oft individuell aus Erfahrungen heraus entwickelt, die mit anderen Spielern bereits gemacht wurden. Was hinter den Kulissen in der Behandlung passiert, sei jedoch keine Zauberei, so Marshall. „Es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin zwischen Normalverbrauchern und Profisportlern”, betont auch sein Kollege Striegler. Die Besonderheit der Behandlung sei vor allem der Fokus auf die Erhaltung oder Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit des Sportlers. „Leistungssport ist kein Gesundheitssport“, sagt Marshall.

    Die meisten spielen so lange, bis ihr Körper streike und bis die Gelenke kaputt seien. Als Beweis zeigt Marshall das Röntgenbild eines Profisportlers: Die Frakturen an seinem Kniegelenk, die abgeriebenen Knorpel, fallen auch Nichtmediziner*innen unweigerlich auf. Viele kämpfen nach ihrer Karriere ihr Leben lang mit Folgeerkrankungen wie Arthrose. Um diesen Moment des Aufhörens möglichst lange hinauszuzögern, arbeiten die anwesenden Ärzte mittlerweile auch häufig präventiv –  mit Erfolg. Der RB Leipzig hatte von allen Vereinen der Bundesliga in der vergangenen Saison die wenigsten Verletzungen, erzählen Striegler und Marshall stolz. Die Aufgabe als Mannschaftsarzt fasst Hepp am Ende jedoch vor allem damit zusammen, an jedem Tag der Woche erreichbar zu sein. „Man braucht dafür auch eine gewisse Begeisterung. Es ist ein Job neben dem Job, der keine Uhrzeit kennt.“

     

    Foto: Tobias Krasselt

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