• Kolumne
  • Ich, upgedatet

    Luise Mosig

    Seitdem Kolumnistin Luise in Leipzig studiert, kann sie nicht mehr über alle Witze beim Fasching in der Heimat lachen. Ihre Freunde sagen, sie hat ihren Humor verloren. Das sieht sie anders.

    „Du hast dich verändert“ – Ein Satz, der nach „Ich-Mach-Schluss“- und „Du-Bist-Mir-Fremd-Geworden“-Krisengesprächen klingt. Ich habe ihn in den letzten Monaten oft von Freunden zu hören bekommen.

    Ich komme aus einer Kleinstadt in der Oberlausitz, etwa 15 Kilometer von der tschechischen und 20 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. „Östlich von Dresden“, beschreibe ich meine geografische Herkunft Bekannten in Leipzig. Diese Angabe resultiert oft in Augenbrauen-Hochziehen und Mundwinkel-Nach-Unten-Ziehen, denn was zum Teufel liegt noch östlicher als Dresden?!

    In meiner Heimat gibt es alte Leute, die Mundart sprechen und junge Leute, die nach der Schule wegziehen. Es gibt deutsch-sorbische Ortsschilder, die gerne mal mit „Dynamoland“-Stickern überklebt werden, Umgebindehäuser, wunderschöne Berge, Problemwölfe, Baggerseen. In jedem noch so kleinen Ort findet sich ein Faschingsverein, der zur fünften Jahreszeit wochenends alle Dorfbewohner zusammenbringt und erfolgreich in einen starken Alkoholrausch versetzt. Dann werden Witze über alles gemacht, was die Leute eben aufregt: Unisex-Toiletten, Fachkräftemangel, Veganer. Die Deutsche Bahn und die Bundesregierung sowieso.

    Kolumnistin Luise geht immer noch gerne zum Fasching in der Heimat. Über alle Witze kann sie aber nicht mehr lachen.

    Vor knapp drei Jahren bin ich fürs Studium nach Leipzig gezogen. Viele Wochenenden verbringe ich in der Heimat, weil mein Freund da wohnt und ich gute Freunde dort habe. Irgendwann haben sie angefangen, mir zu sagen, dass ich mich verändert habe. Und damit meinen sie kein positives Verändern im Sinne von „Du bist charakterlich gewachsen“, sie sagen es mit einem vorwurfsvollen Unterton. Denn irgendwann habe ich aufgehört, über frauenfeindliche Witze beim Fasching zu lachen und angefangen, dem Onkel meines Freundes zu sagen, dass ich seine zum Sonntagskaffee obligatorischen Witze über Schwarze nicht lustig finde. Ich habe angefangen, meinen Freund zu ermahnen, wenn er andere Autofahrer als „Spasten“ bezeichnet, weil sie auf der Autobahn nicht das Rechtsfahrgebot einhalten. Ich habe auch angefangen, meinen Freundinnen zu sagen, dass ich zum Mädelsabend nicht unbedingt Lasagne aus Billighackfleisch kochen möchte. Und dass ich es unangebracht finde, wenn sie andere Frauen als „Weiber“ und „Schlampen“ bezeichnen und sich über ihre Instagramprofile und Kleiderwahl echauffieren. Ich habe angefangen, einer Freundin zu sagen, dass ich es peinlich finde, wenn sie den Internationalen Frauentag als „sinnlos“ bezeichnet und ihn mit dem als „Männertag“ deklarierten Himmelfahrtstag-Saufgelage gleichsetzt.

    Ich hinterfrage jetzt Dinge, die auch ich fast zwei Jahrzehnte lang gesagt, getan und für gut befunden habe. Meiner Meinung nach ist das ein ganz natürlicher Prozess, der ins Rollen kommt, wenn man wegzieht und plötzlich in einer anderen Umgebung kulturell geprägt und sozialisiert wird. Ich sehe diesen Prozess als Bereicherung, weil ich in meiner Zeit in der Großstadt politisiert wurde und mir Probleme bewusstgeworden sind, die ich vorher gar nicht als solche wahrgenommen habe.

    Meine Freunde in der Heimat aber sagen, ich hätte meinen Humor verloren. „Bleib mal locker“ oder „Reg dich nicht immer gleich so auf“ bekomme ich in erwähnten Situationen zu hören. Früher hat mich das doch auch nicht gestört! Sie wollen nicht verstehen, dass es keinen Knopf an mir gibt, mit dem ich zwischen der „alten Luise“ und der „neuen Luise“ hin- und herschalten kann. Das mit neu und alt ist ziemlicher Quatsch, weil Menschen sich graduell in ihrem Charakter verändern und nicht von heute auf morgen. Ich bin immer noch die „alte“ Luise, nur in einer upgedateten Version. Eine Version, die reicher an Erfahrungen und selbstkritischer geworden ist.

    Mir ist bewusst, dass ich in Leipzig in meiner kleinen studentischen Blase lebe und die Welt durch ihren schillernden Film betrachte. Deshalb bin ich auch dankbar, dass ich reisen kann, wohin ich will und oft in die Heimat fahre, um mich wiederum mit Menschen in ihren eigenen kleinen Blasen austauschen zu können. Auf diesem Austausch beruht die Entwicklung meiner Persönlichkeit.

    Ich weiß auch, dass es größere Fragen zu beantworten gibt als die nach dem Gendersternchen in meinem Text oder die nach dem Hähnchengeschnetzelten auf meinem Teller. Dennoch mache ich mir Gedanken darüber, weil ich das Privileg habe, die Wahl zu haben. Das heißt nicht, dass ich ein humorloser, verbitterter Mensch geworden bin, mit dem man keinen Spaß mehr haben kann. Es heißt, dass ich ein Mensch geworden bin, der sich mit sich selbst und seiner Umwelt auseinandersetzt und dem bewusst geworden ist, dass seine Worte und Taten direkte und indirekte Folgen haben. Und das sollten die Leute, die mich am besten kennen, doch eigentlich gutheißen.

     

    Titelfoto: Lydia Binkenstein

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