• Wissenschaft
  • Die sonderbare Beziehung zwischen Politik und Medien

    Laura Camboni

    Der Leipziger Thomasius-Club hat vergangenen Mittwoch wieder ins Café Alibi eingeladen. Diesmal klärte Kulturhistorikerin Ute Daniel über das Beziehungsgeflecht von Politik und Medien auf.

    Eine gemütliche, fast familiäre Stimmung breitet sich im Café Alibi aus, das sich in der Leipziger Universitätsbibliothek Albertina befindet. Das Publikum, über alle Altersklassen hinweg gemischt, unterhält sich bei Bier und Wein angeregt über das bevorstehende Gespräch mit Ute Daniel, Historikerin und Autorin des Buches „Beziehungsgeschichten – Politik und Medien im 20. Jahrhundert“.

    Einmal im Monat lädt der Leipziger Thomasius-Club zu einer offenen Gesprächsrunde zwischen Wissenschaftler*innen und der Öffentlichkeit ein, um über aktuelle Forschungsthemen zu sprechen. Dabei ist der Eintritt zu den Veranstaltungen frei. Der Name des Clubs erinnert an Christian Thomasius – ein Leipziger Philosoph und Rechtsgelehrter. Thomasius lud im Jahr 1688 zu monatlichen Gesprächen mit Gelehrten ein und begann diese in Zeitschriften zu veröffentlichen. An das Konzept der Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten knüpft der Thomasius-Club heute an.

    Das Gespräch mit Ute Daniel am vergangenen Mittwoch wird von Ulrich Schneider, Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek, und Bettina Kremberg moderiert, die beide über einen philosophischen Hintergrund verfügen. Daniel stellt sich sowohl inhaltlichen Fragen zu ihrem Buch, als auch kritischen Nachfragen seitens der Moderator*innen und des Publikums. Daraus entsteht ein 90-minütiges Gespräch, das viele Fragen zum historischen und gegenwärtigen medienpolitischen Verhältnis beantwortet. Das Beziehungsgeflecht zwischen Politik und Medien im 20. Jahrhundert sei laut Daniel maßgeblich durch den Begriff „Vertrauenskartell“ geprägt. Ein Kartell im wirtschaftlichen Sinne stehe für den Zusammenschluss von Unternehmen, die zwar durch ein Konkurrenzverhältnis definiert sind, jedoch das gleiche Ziel verfolgen: durch Preisabsprachen den Wettbewerb auszuschalten.

    Kulturhistorikerin Ute Daniel von der Universität Leipzig spricht beim Thomasius-Club

    Kulturhistorikerin Ute Daniel sprach über medienpolitische Beziehungsmuster.

    Dieses Prinzip wendet Daniel auf das Verhältnis zwischen Politikern*innen und Journalisten*innen an. Ihrer Auffassung nach arbeiten beide Akteur*innen mehr gegeneinander als miteinander. Dennoch seien sie in beruflicher Hinsicht abhängig voneinander, wodurch die Notwendigkeit einer vertraulichen Beziehung bestehe. Für Daniel ist eindeutig, warum Politik und Medien bis heute ein so vertrauliches Abhängigkeitsverhältnis pflegen. Mit dem historischen Argument „Parteien und Presse sind gemeinsam auf die Welt gekommen“ begründet Daniel mit Nachdruck, wie diese sonderbare Beziehung zustande kam.

    Ergänzend betont Daniel am Ende des Gesprächs die Relevanz ihrer Forschungsthematik und akzentuiert gleichzeitig, dass „die gegenwärtige Situation der Politikberichterstattung erst verstanden werden kann, wenn man weiß wie es überhaupt dazu gekommen ist.“ Denn die Phänomene, die heute in unserer politisch mediatisierten Gesellschaft wahrgenommen werden, seien nicht neu und immer noch durch den Begriff des Vertrauenskartells – dem vertraulichem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Politikern*innen und Journalisten*innen – zu beschreiben. Die einzige gegenwärtige Veränderung ist als Konsequenz der Digitalisierung zu verzeichnen: Die Geschwindigkeit der politischen und journalistischen Arbeitsprozesse hat sich in den letzten Jahren erheblich erhöht und wird Daniel zufolge den Journalisten*innen und Politiker*innen früher oder später zum Verhängnis werden.

    Genau diese Thematik der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen durch computergestützte Technik greift Elisabeth Burr in der nächsten Gesprächsrunde des Thomasius-Clubs im Hinblick auf Sprache auf. Burr ist Linguistin und Romanistin an der Universität Leipzig und wird am 15. Mai um 20 Uhr im Café Alibi über digitale Sprachressourcen und dessen bedeutsame Entwicklung für das Weiterleben ganzer Kulturen reden.

    Wer keine Zeit hat persönlich vorbei zu kommen, aber trotzdem Interesse an den Themen hat, kann die Gespräche als Podcasts nachholen. Auf der Website des Thomasius-Clubs stehen diese frei zur Verfügung.

     

    Fotos: Alexander Hollstein

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