• Kultur
  • „Vielfalt ist breiter als die Geschlechterfrage“

    Pauline Reinhardt

    Freitag und Samstag fand in der media city leipzig die femMit statt – eine Konferenz für mehr Frauen in Medien und Politik. Zu Besuch bei einem Panel über die Notwendigkeit von Veränderungen

    „Ziel der femMit ist es, Mut zu machen, Vorbilder zu zeigen und Vernetzungsmöglichkeiten zu schaffen“, so wird Romina Stawowy, die Initiatorin der Veranstaltung dort überall zitiert. „Mut to go“ steht auch auf dem roten Beutel, den jede*r bekommt, der*die sich ein 149 Euro teures Tagesticket geleistet oder eine Akkreditierung erhalten hat.

    Das sind vor allem Frauen ─ ein ungewöhnlicher Anblick für eine Konferenz, wie auch der Moderator Henry Bernhard vom Deutschlandfunk betont. Er sitzt am Freitagmittag in der deutlichen Unterzahl auf einer Bühne, auf der 90 Minuten lang über „Frauen in den Medien und was sich daran ändern muss“ diskutiert wird. Links neben ihm sitzen: Barbara Rohm, Regisseurin und Fotografin, deren Verein „Pro Quote Film“ einen selbsterklärenden Namen trägt und Lucia Eskes, die Leiterin des Grimme-Preises, einer der renommiertesten Auszeichnungen für Fernsehfilme in Deutschland. Auf der anderen Seite sitzen Teresa Bücker, die Chefredakteurin vom feministischen Online-Magazin Edition F, die Musikerin Leslie Clio und Content Creator Tarik Tesfu. Letzterer ist vor allem durch seine teils persönlichen Videos bekannt, die er unter anderem für „Jäger&Sammler“ von funk produziert.

    femMit Leipzig Konferenz media city

    Die Konferenz FemMit will Frauen in Medien und Politik bei ihrem Weg unterstützen.

    Bei dem Panel werden verschiedene Themen zur Geschlechterungerechtigkeit in Medien angesprochen. Erstes Thema: der Bechdel-Test, den nur Filme bestehen, über die folgende Fragen mit „Ja“ beantwortet werden können: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

    Rohm sieht in der deutschen Filmbranche noch großen Handlungsbedarf: „Schauspielerinnen ab 30 verschwinden von der Leinwand, denn die Hauptmotivation für Frauenrollen ist das sexuelle Interesse an ihnen.“ Selbst das Animationsfernsehen für Kinder sei von männlichen Stimmen dominiert.

    Bernhard fragt Tesfu auf der Suche nach Lösungen danach, ob er sich selbst für die Frauen zurücknehmen wolle und verwirrt damit das Publikum und den Gefragten gleichermaßen. „Manchmal irritiert es Menschen, dass ich mich als Mann als Feminist bezeichne“, antwortet Tesfu. Anschließend holt er etwas weiter aus und erklärt den Begriff Intersektionalität: Dass einzelne Menschen nicht allein wegen ihres Geschlechts diskriminiert werden, sondern gleichzeitig auch wegen sozialer und migrantischer Herkunft, Behinderung, Sexualität, Religion und so weiter. Provokant fragt er den Moderator danach, wie viele Redakteurinnen mit Kopftuch es in Deutschland gibt. Die vorwiegend weißen Frauen im Publikum applaudieren ihm.

    Auch Bücker betont: „Vielfalt ist breiter als die Geschlechterfrage.“ Sie erklärt, dass wir alle Vorurteile haben, die abgebaut werden müssen. Eine Quote allein könne daran nichts ändern und helfe nur bereits erfolgreichen Frauen dabei, noch erfolgreicher zu werden. Ihre Lösung: Machtpositionen mit feministischen Frauen besetzen, die für alle kämpfen. Rohm verteidigt die Quote vehement, denn ohne sie sei keine Veränderung möglich. Natürlich müsste zusätzlich vieles anderes geschehen, man müsse Führungskompetenzen überdenken, über Teilzeitmodelle und Kinderbetreuung sprechen. Bücker entgegnet daraufhin, auch sie sei Quotenbefürworterin, aber es genüge nicht, diese nur für Aufsichtsräte durchzusetzen.

    Teresa Bücker, Leslie Clio und Tarik Tesfu

    Die Musikerin Clio, die bislang wenig zum Gespräch beigetragen hat, wird vom Moderator gefragt, ob es im Internet eine niedrigere Zugangsschwelle für Frauen in den Medien gibt. Sie betont, dass es in Deutschland, anders als beispielsweise in den USA, immer noch schwer für Frauen in der Musikbranche sei, die nicht „die liebe Maus“ sind. Tesfu lobt daraufhin die Möglichkeiten des Internets, sagt aber auch: „Es wird nicht so richtig ernst genommen.“ Als Tesfu harsch kritisiert, wie sehr die öffentlich-rechtlichen Sender in puncto Diversität hinter Netflix oder dem britischen Fernsehen herhinken, wird Gemurmel aus dem Publikum laut. Nebenan sitzt der MDR, der bestimmt einige Mitarbeiter*innen zu der Konferenz rübergeschickt hat.

    Rohm schließt sich Tesfus Kritik an. Sie erzählt von den Diversitätsstandards britischer Filmförderung, die nicht nur thematisieren, wer auf dem Bildschirm zu sehen ist, sondern auch, wer Teil des Drehteams ist und an welches Publikum sich der Film richtet. Eskes, die Fernsehen als Hauptmedium sieht, stimmt der Position zu, dass in Deutschland immer noch viel zu tun ist. Ein Problem sei dabei die fehlende Familienfreundlichkeit der Filmbranche. Diese Aussage bringt Rohm zum Wettern: „Man kann das Problem nicht aufs Kinderkriegen reduzieren!“ Die männlich dominierte Szene traue Frauen keine Kompetenz zu.

    Zum Schluss werden die Panel-Sprechenden endlich nach gezielten Lösungsvorschlägen gefragt. Einig sind sich alle, dass sie gerne Mitarbeiter*innen hätten, bei denen man „Diversity-Bingo“, spielen kann, wie es Tesfu ausdrückt. Eskes verlangt eine 50-50-Quote in allen, nicht nur den personellen Bereichen und geht damit noch einmal auf die Repräsentation von Frauen auf dem Bildschirm ein. Rohm wird noch konkreter: Sie würde gern transparent machen, wer wie viel verdient und dementsprechend Änderungen vornehmen. Sie spricht an, dass der Stundenlohn von Teilzeitarbeit bislang geringer ist, als der von Vollzeit. Außerdem wünscht sie sich Schulungen zu Sexismus und Gewalt.

    Auch die anschließenden Fragen und Kommentare aus dem Publikum bringen konkrete Probleme und Lösungsansätze zur Sprache. Ein wichtiger Punkt, den eine Zuschauerin aufbringt, ist dabei: dass sich nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch Zuhause etwas ändern muss. Gleichstellung könne nur erreicht werden, wenn Männer bereit sind für die Hälfte der Elternzeit. Aber auch das hängt laut Rohm wieder mit der Gender Pay Gap zusammen. So lange die größte Gap im Medienbereich bei 70 Prozent zwischen Kameramann und Kamerafrau liegt, sind Frauen in diesem Beruf quasi gezwungen, sich um die Kinder zu kümmern.

    Verwandte Artikel

    „Der Klimawandel wartet nicht, bis dein Bachelor fertig ist“

    Dieser Spruch steht schon seit über einem Jahr auf einer Toilettentür in der Universität Leipzig. Nun tut sich etwas. Anfang dieser Woche gründete sich auch in Leipzig eine Students for Future-Gruppe.

    Hochschulpolitik | 14. April 2019

    Großstädte ziehen mich an und stoßen mich ab

    Stadt und Land: eine Gegenüberstellung von offensichtlicher Überforderung und Problemen, die sich in Häusern verstecken.

    Kolumne | 14. April 2019