• Kultur
  • Heimatkultur in neuem Zeitgeist

    Nina Lischke

    Die Leipziger Universität bietet als einzige in Deutschland das Fach Sorabistik an. Sora- was? Max Baganz studiert das Fach nicht nur, sondern produziert nun auch seine eigene sorbische Zeitschrift.

    Die Sorben sind eine kleine Volksgruppe in Deutschland, die an der Grenze zu Polen lebt, grob gesagt: etwas nördlich von Cottbus bis etwas südlich von Bautzen. Weniger als die Hälfte der rund 60.000 Sorben spricht nach Schätzung des Sorbischen Institutes heute noch Sorbisch. Während des NS-Regimes waren Sprache und Kultur verboten, seit 1948 ist die Kultur verfassungsrechtlich geschützt.

    Es gibt eine obersorbische Tages- und niedersorbische Wochenzeitung, einen Radiosender und wenige TV-Programme, seit 1912 den Dachverband Domowina aller sorbischen Vereine. Und seit Dezember 2018 die sorbische Zeitschrift „Njeknico­mnik“, auf Deutsch „Nichtsnutz“. Die Idee dazu kam dem Sorabistikstudenten Max Baganz während einer Recherche zu sorbischer Kinder- und Jugendliteratur. Ihm fiel auf, dass es für Kinder recht viele Angebote gibt, „aber für Jugendliche und junge Erwachsene gibt es fast nichts, was auf breiter Basis anspricht.“ Der 23-Jährige hat sein Interesse für die sorbische Sprache und Kultur während seiner Abi-turzeit entdeckt. „Wo ich herkomme, in der Niederlausitz, spricht keiner mehr Sorbisch. Viel von der Kultur ist in Vergessenheit geraten.“

    Drei Ausgaben der sorbischen Studierendenzeitschrift liegen auf einem Holztisch.

    Die bisher erschienenen Ausgaben des Njeknicomnik  Foto: Max Baganz

    Doch er fühlt sich seiner Heimat und ihrer Geschichte sehr verbunden und beschreibt sein Studium daher als „Herzensprojekt“. Im Studiengang Sorabistik bestehe die Mehrzahl der Studierenden aus Obersorben, die meisten dazu noch Muttersprachler. Max hat Niedersorbisch (auch Wendisch genannt) erlernt, allerdings erst während des Studiums. „Es ist eine anspruchs­volle Sprache. Ich würde sie als eine Brücke zwischen Deutsch und Slawisch bezeichnen. Ein Dozent meinte mal scherzhaft, mit Sorbisch könne man von Cottbus bis Wladiwostok (russische Hafenstadt am Japanischen Meer, Anm. d. Red.) kommen.“

    Seine Zeitschrift sei hauptsächlich in Niedersorbisch verfasst, aber er hofft noch auf obersorbische Autoren, da der Njeknicomnik den Anspruch eines gesamtsorbischen Magazins habe. Beide Sprachen können sich teilweise verständigen, das Obersorbische ist aber dem Tschechischen und Slowakischen, das Niedersorbische dem Polnischen näher. Max möchte hauptsächlich aktuelle Themen außerhalb der Folklore behandeln, die Sprache frisch halten und ihren Reiz erhöhen. Vor allem in der Niederlausitz sei das Sorbische heute kaum noch vertreten, die Niedersorben bilden quasi eine „Minderheit in der Minderheit“. Heute leben viele Lausitzer die Reste der sorbischen Kultur aus, ohne ihre Wurzeln zu kennen, erklärt Max. Sorbische Traditionen würden als deutsche Folklore aufgefasst, ihr eigentlicher Ursprung sei nur noch wenigen bekannt; „Spreewald-Kultur“ heiße das heute vielerorts.

    Das Herzstück jeder Ausgabe ist die Beilage, berichtet Max. Sie enthält satirische Inhalte, die bewusst schockieren sollen. Max provoziert, er will aus der Reserve locken, zum Beispiel mit Memes, die er in einen sorbisch-kulturellen Kontext setzt. Dabei pflegt er einen sehr kritischen Umgang mit der Kultur, die ihn so fasziniert. Auch Auszüge zeitgenössischer Literatur lässt er von einem Bekannten auf Niedersorbisch übersetzen. Der „Nichtsnutz“ erscheint bisher in kleiner Auflage. Ungefähr 30 bis 50 Exemplare sind hauptsächlich am Sorbischen Institut zu finden. „Ich drucke, falte und fertige bisher alles selbst zuhause an. Es ist ein Anfang“, sagt Max und blickt optimistisch auf die vor ihm liegenden Ausgaben.

    Titelbild: Nina Lischke

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