• Kolumne
  • Andere Länder, andere Sitten

    Laura Camboni

    Wenn kulturelle Unterschiede deinen Urlaub prägen und du dadurch die deutsche Mentalität in Frage stellst: Wie hält es eigentlich ein Tennissocken-Sandalen-Tourist in einem mediterranen Land aus?

    Mein ganzes Semester besteht, neben den eher seltenen Vorlesungsbesuchen, eigentlich nur darin, den kommenden Urlaub zu planen. Gerade junge Deutsche sind kulturell offen und reisefreudig, und so gibt es kaum Winkel auf der Erde, in denen sie nicht anzutreffen sind. Deswegen zieht es das junge Gemüse überall hin, außer nach Deutschland.

    Auch ich habe mich nach dem Wintersemester über die Grenze gewagt und im warmen Spanien meine Freundin besucht, die sich für Erasmus in Madrid entschieden hat. Bei diesem Besuch durfte ich meine eigenen Erfahrungen mit deutschen und spanischen Klischees machen. Kulturelle Unterschiede hinsichtlich des Lebensstils sind, überspitzt gesagt, zwischen den kontrollsüchtigen Deutschen und temperamentvollen Spaniern unverkennbar. Schon eine erste Begegnung kann sich, für beide Seiten, zu einer ernstzunehmenden Herausforderung entwickeln. Als mich meine Freundin ihren spanischen Mitbewohnern vorstellte, war ich gerade dabei, meine Hand zum traditionellen ersten Handschlag zu zücken, da spürte ich schon einen dicken Schmatzer auf meiner Wange. Und noch einer auf die andere Seite. Eine sehr zuneigungsvolle Begrüßung im Gegensatz zu dem eher distanzierten Handschlag. Nach der Vorstellungsrunde mit vier weiteren Mitbewohnern war ich um zehn dicke Schmatzer reicher und dank zahlreicher Umarmungen habe ich auch meinen Jahresbedarf an Zuneigung von fremden Menschen gedeckt.

    Um Punkt 19 Uhr machte sich mein konditionierter Bauch bemerkbar und verlangte nach seinem Abendessen. Leider musste ich das Grummeln für die nächsten drei Stunden weiterhin ertragen. Denn vor 22 Uhr macht sich kein Spanier auf den Weg, ein Restaurant aufzusuchen. Meine Freundin tröstete mich damit, dass es für uns keinen Sinn machen würde, früher auf die Suche zu gehen, da die meisten Küchen erst ab 21 Uhr ihren Herd anschmeißen. Mit der Zeit wurde ich schlauer und trickste meine innere deutsche Essensuhr mit der traditionellen Siesta, aus. Zwischen 14 und 17 Uhr hält die Mehrheit der Spanier einen Mittagsschlaf oder ruht sich von der Hitze aus. Ein gesunder Gedanke, den Körper vor der Hitze zu schützen und Ruhe vom Alltagsstress zu gewähren. Nur verstehen das so manche deutsche Touristen nicht, wenn mittags die Städte wie leer gefegt sind und keine Läden, Bars oder Cafés geöffnet sind. Da hilft es nur, sich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen.

    Kolumnistin Laura

    Kolumnistin Laura passt sich dem kulturellen Tapas-Leben in Spanien mit Freude an.

    Auch an die spanischen Ess- und Trinkgewohnheiten habe ich mich sehr gerne gewöhnt. Mit jedem Bier oder Wein bekommt man in (fast) jeder Bar eine sogenannte Tapa, also eine Kleinigkeit zu Essen, geschenkt. Das können Oliven oder Brot sein, aber auch Käse- und Wurstplatten, Omeletts oder Chips. Somit war für uns studentische Sparfüchse natürlich das ultimative Ziel, ausschließlich von Trinkbestellungen satt zu werden, ohne einen Cent für Essen auszugeben. Ein wirklich toller kultureller Aspekt des spanischen Lebens, von dem ich nicht genug bekommen konnte.

    Während ich im T-Shirt und mit kurzer Hose mein Bier und meine Tapas genoss, saßen mir die in Wintermäntel eingepackten Spanier gegenüber und reden lauthals über Gott und die Welt. Gerade in dieser Nacht wurden die Klischees der geselligen Spanier und uns selbstkontrollierenden Deutschen bestätigt. Die Handlungen und Denkweisen der Spanier sind darauf ausgerichtet, ihr Leben einfach nur zu genießen und nicht darüber nachzudenken, was vielleicht in fünf Jahren sein könnte. Nicht jeder Schritt und Tritt wird geplant oder viel Wert auf Pünktlichkeit gelegt. Damit ersparen sich die lebhaften Spanier viel Stress und Ärger, während unsereins sich den Kopf darüber zerbricht, wie viel von der heutigen Restaurantrechnung jeder Einzelne am Ende des Abends zahlen muss, sobald der Kellner fragt: „Zahlen Sie zusammen oder getrennt?“ Zu blöd nur, dass diese Frage in Spanien nicht existiert und sich der Deutsche wieder zu viele Gedanken über nichts gemacht hat. Stattdessen setzen die Spanier darauf, dass nur einer die Rechnung begleicht und das nächste Mal eben jemand anderes bezahlt. Undenkbar für Deutsche, aber völlig normal für Spanier.

    Vielleicht sollten wir uns nicht nur an Sonntagen eine Scheibe von der Gelassenheit und Mentalität der Spanier abschneiden. Sondern auch unter der Woche nicht zu verkrampft versuchen, alles zwanghaft zu kontrollieren, jeden Tag maximal auszunutzen.
    Ein Spanier würde einen lustigen Abend mit Freunden niemals früher verlassen, weil er am nächsten Tag zeitig aufstehen muss. Denn was würde ihm eine Stunde mehr Schlaf geben, wenn er eine Stunde mehr Lebensfreude mit seinen Freunden oder Familie haben kann?

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