• Kolumne
  • Clubcourage

    Maren Schleimer

    Für viele ein Stück Freiheit, für andere der absolute Albtraum: Feiern in Clubs ist laut, stickig und oft sexuell aufgeladen. Wie kann in diesem Umfeld ein Schutzraum für jede*n geschaffen werden?

    Das Semester ist überlebt — um uns zu belohnen, schnüren mein Mitbewohner und ich unsere Tanzschuhe. Gut gelaunt und motiviert machen wir uns auf den Weg in den nächsten Techno-Club. Schwofen ist angesagt. Der Bass wummert, Schweiß tropft von den Wänden, dicht an dicht tanzen wir wie hypnotisiert, meine Augen sind geschlossen. Ich fühle mich ganz weit weg von der Welt, die da draußen herrscht. Weit weg von meinen Ängsten, dem dreckigen Badezimmer und der unbezahlten Rechnung für das Shirt, das ich gerade trage.

    Bis das Mädchen vor mir in meine Arme fällt. Ihr regloses Gewicht zerrt mich mit zu Boden. Plötzlich bin ich wieder voll da. Ich ziehe sie nach oben, sie schaut mich mit leerem Blick an. Als ich ihr einen Schluck Wasser anbiete, kippt sie erneut um. Ich kann ihr Gewicht nicht länger halten und schaue mich verzweifelt um. Die in Ekstase Tanzenden kommen mir jetzt vor wie fremdgesteuerte, kaltblütige Roboter. Endlich erkennen zwei Typen meine Situation und tragen das Mädchen aus der Masse zu dem Clubpersonal, das sie richtig versorgen kann. Zurück bleibt mein umgedrehter Magen und die Erinnerung an den Moment, als ich hilfesuchend zwischen den Partygästen hockte und es niemanden interessierte.

    Kolumnistin Maren hat am eigenen Leib erlebt, warum Zivilcourage nicht nur auf die Straße gehört.

    Das Nachtleben hat seine Schattenseiten, ganz klar. Umso wichtiger ist es in dunklen, vernebelten Kellern aufeinander aufzupassen. Auch ich habe häufig beim Feiern diesen Tunnelblick: Wo sind meine Leute? Ich muss aufs Klo. Ich will eine rauchen. Ich brauche mal andere Musik. Auf der anderen Seite habe ich schon unglaublich sorgende Mitfeiernde erlebt. Es gibt Menschen, die verlassen den Club genauso wie sie ihn betreten haben — und dann gibt es Menschen wie mich, die am nächsten Morgen aussehen, als hätten sie gerade das Krönchen für das RTL-Dschungelcamp gewonnen. Verschwitzt, blass, irgendwie dreckig, aber glücklich. Das können Fremde natürlich nicht einschätzen und fragen deswegen immer mal wieder nach meinem Wohlbefinden, bieten mir Wasser an, interessieren sich. Das gibt mir in solchen Moment nicht nur ein sicheres Gefühl, sondern hilft auch dabei, neue Kontakte zu knüpfen. Doch leider treten neben gesundheitlichen Problemen oft ganz andere im Club auf: sexistisches oder homophobes Verhalten, besonders gegen Frauen, Schwule und Trans*Personen.

    Mittlerweile gibt es einige Leipziger Clubs, wie zum Beispiel das Institut für Zukunft, mit ausgebildetem „Safer Clubbing“ Personal. Vor Ort werden somit Ansprechpartner*innen gestellt, die dabei helfen, den Club als Schutzraum zu gestalten. Gerade weil es diese Optionen seitens des Clubs gibt, sollten wir als Tanzende mit dem Personal kooperieren und sie nicht als Spielverderber*innen oder Aufpasser*innen sehen. Auch im Alltag kostet Zivilcourage Überwindung. Häufig werden Tipps gegeben, man solle Menschen aus dem Umfeld direkt ansprechen: „Sie da, mit der gelben Regenjacke, helfen Sie mir!“ Im Clubkontext ist das gar nicht mal so einfach, wenn man die eigene Hand vor seinen Augen nicht erkennt und der Großteil dunkel gekleidet ist. Deswegen sollten wir im Falle einer Belästigung, die wir beobachten, direkt auf die*den Betroffene*n zugehen und nach ihrem*seinem Befinden fragen. Selbst wenn die Situation geklärt scheint, ist es immer besser, das „Safer Clubbing“, Barpersonal oder die Security zu informieren, um auch andere Gäste zu schützen.

    Als Gemeinschaft müssen wir unsere zahlreichen Augenpaare nutzen, um seltsam wirkende Situationen wahrzunehmen und zu handeln. Denn erst wenn dieses Sicherheitsgefühl für jede*n geschaffen ist, können wir die Augen wieder schließen, tanzen — und zwischendurch mal blinzeln.

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