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  • „So schnell kommt man da nicht raus“

    Luise Mosig

    Thomas Rohmberger ist Leistungsschwimmer am Bundesnachwuchsstützpunkt in Leipzig und studiert „nebenbei“ Kommunikations- und Medienwissenschaft. Ein Balance-Akt, der Disziplin und Planung erfordert.

    Spagat zwischen Studium und Sport

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    Wenn Thomas Rohmberger über seine Schwimmkarriere und über sein Leben spricht, benutzt er Ausdrücke wie „sich über Wasser halten“ oder „Das hat mir Auftrieb gegeben“. Das kann Zufall sein, kann aber auch daran liegen, dass er seine Zeit außerhalb der Uni zu fast 100 Prozent in Schwimmhallen, Trainingslagern und bei Wettbewerben verbringt. Thomas studiert Kommunikations- und Medienwissenschaft (KMW) an der Universität Leipzig und ist gleichzeitig Leistungsschwimmer.

    Seit er sechs Jahre alt ist, lässt der Wassersport den heute 22-Jährigen nicht mehr los. „Meine Mutter hat mich als kleines Kind immer zum Sport animiert“, beschreibt Thomas seine erste Motivation. Zuerst sei er mit fünf Jahren, wie so viele Jungs in diesem Alter, beim Fußball gelandet. „Ich hatte aber immer zwei linke Füße.“ Eine Zeit lang versuchte er sich am Handball, bis er schließlich in den Schwimmverein seiner Heimatstadt, SV Zwickau 04, eintrat. „Anfangs war ich auch beim Schwimmen eher unmotiviert“, erzählt Thomas. Sein markanter vorerzgebirgischer Dialekt schwingt in jedem Wort mit. „Ich wollte mich vor dem Training drücken, habe lieber Yu-Gi-Oh! geguckt.“ Ein Schlüsselerlebnis in der vierten Klasse ändert alles. Bei einem Wettkampf sieht er den damaligen „Überflieger“ Felix Schröter aus Plauen siegen. „Da hat es bei mir Klick gemacht. So wollte ich auch sein.“

    „Eigentlich schwimme ich und studiere nebenbei.“ (Foto: privat)

    Schnell wird klar, dass Thomas‘ Talent nur gefördert werden kann, wenn er Schule und Sport unter einen Hut bekommt. In der sechsten Klasse wechselt er deshalb auf das Sportgymnasium Chemnitz, was anfangs nicht leicht für ihn ist, denn es bedeutet auch: Internat. Das erste Mal weg von zuhause, weg von seiner alleinerziehenden Mutter, die er liebevoll „Mom“ nennt und die oft in seinen Erzählungen auftaucht. „In den ersten Monaten wurde ich von den anderen Jungs gemobbt“, berichtet der KMW-Student. „Ich war aber auch echt ‘ne Weichflöte, zweifelte ständig an mir selbst.“ Nach einem Jahr Internatsleben wollte er dann aber „nicht mehr weg“. Die Erzieher waren zu Ersatzeltern geworden, die Internatsbewohner zu seiner zweiten Familie.

    Bis heute tritt Thomas bei Wettkämpfen für seinen Heimatverein SV Zwickau 04 an, trainiert aber seit seinem Umzug nach Leipzig 2016 in der Messestadt, und zwar unter dem sächsischen Landestrainer Frank Embacher im Wassersportzentrum der Universität. Leipzig ist Bundesstützpunkt für Nachwuchswassersportler des Deutschen Olympischen Sportbunds. Ob er mit dem Sport irgendwann Geld verdienen könne? „Das ist in Deutschland aufgrund des Ligasystems nicht wirklich möglich“, erklärt Thomas. Es gibt Landesligen und eine Erste und Zweite Bundesliga, deren Wettkämpfe aber jeweils nur zu einem jährlichen Event ausgetragen werden. Durch die geringe Präsenz in den Medien gebe es wenig Sponsoren. Eine halbjährige Saison wäre laut Thomas beispielsweise eine Möglichkeit, den deutschen Schwimmsport attraktiver zu machen, doch dafür wiederum fehlt es an Geldern. Ein Teufelskreis.

    Doch um Geld geht es beim Schwimmen nicht, das merkt man schnell, wenn man den Leistungssportler über seine Leidenschaft reden hört. Es geht um Ehrgeiz, körperliche Herausforderung, Anerkennung, Teamgeist, Grenzen austesten. Schwimmen ist ein Lebensstil, eine eigene kleine Welt, aus der man „nicht so schnell wieder rauskommt“, erklärt Thomas. Sein kompletter Freundeskreis ist mehr oder weniger in der Schwimmszene verankert und in ganz Deutschland verstreut.

    Leistungsschwimmer Thomas Rohmberger vom SV Zwickau 04 bei einem Wettkampf

    Bei den Deutschen Kurzbahnmeisterschaften 2018 in Berlin kam Thomas in vier Disziplinen jeweils unter die Top 6.

    Regelmäßig wird er gefragt, ob sein Studium nicht unter dem Schwimmen leide. „Das ist alles Einstellungssache“, meint der KMW-Student. Anfangs ging er mit der Haltung nach Leipzig, die Uni als Priorität anzusehen und nebenbei schwimmen zu wollen. Schnell merkte er, dass der Sport ihn nicht loslassen wird. „Eigentlich schwimme ich und studiere nebenbei“, stellt Thomas heute nach zweieinhalb Jahren Studium fest. „Gerade will ich mich voll und ganz auf den Leistungssport konzentrieren.“ In ein paar Tagen stehen die Sächsischen Meisterschaften in Leipzig an, im August die Deutsche Meisterschaft in Berlin. Im Wintersemester hat er nur ein Seminar belegt, während seine Kommilitonen dreimal so viele Leistungspunkte pro Semester einholen. Aber was sei schon dabei, seinen Bachelor in vier statt drei Jahren zu machen. „Du musst halt wissen, was du willst“, betont Thomas. Er scheint es sehr gut zu wissen.

    Und obwohl er wenige Kommilitonen als seine Freunde bezeichnen würde und seine einzige Hausarbeit noch während des Semesters geschrieben hat, um in den Ferien ins Trainingslager nach Bulgarien zu fahren, hat Thomas einen Weg gefunden, Studium und Sport inhaltlich zu verbinden. Seit 2017 schreibt er als freier Redakteur für das Onlinemedium Swim Sport News, Leitmedium in der deutschen Schwimmsportberichterstattung. Die Redaktion sitzt in Leipzig, das dazugehörige Printmagazin erscheint vierteljährlich. Bei der Weltmeisterschaft in Budapest 2017 glitt er ausnahmsweise nicht selbst durchs Becken, sondern saß mit Pressepass auf den Rängen und schrieb eine Woche lang Liveticker. „Den verfolgen zwischen 1.000 und 2.000 Menschen im Netz, das war schon eine Herausforderung“, erinnert sich Thomas. Neben dem Schreiben wirkt er bei der Crowdfunding-Kampagne des Magazins mit und kümmert sich um das Marketing der Hausmarke SWM/FRK, die T-Shirts, Badekappen und anderes Schwimm-Merchandise vertreibt. Auch wenn er vom Leistungssport wahrscheinlich nie leben können wird, hat Thomas längst Wege eingeschlagen, auf denen er dem Schwimmen beruflich noch lange treu bleiben könnte.

     

    Fotos: Marcel Friedrich / thesportpicturepage

    Grafik: Marie Nowicki

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