• Kolumne
  • Mein Freund, der Podcast

    Jonas Waack

    Podcasts sind der treue Begleiter in jeder noch so langweilig anmutenden Situation, ob beim Warten auf die Bahn, beim Anstehen in der Mensa oder während des Wäschewaschens. Eine Lobeshymne

    Vor gut einem Jahr war ich bei einem Spiel des Londoner Fußballsiebtligisten Dulwich Hamlet, ein spannender Zwei-Zu-Eins-Sieg mit einem wunderschönen Freistoßtor. Über den Rückweg liefert mein Gedächtnis folgende Informationen: Es hat geregnet, es war kalt und ich musste für 20 Minuten in ebendieser Nässe und Kälte warten, weil mir der Bus direkt vor der Nase weggefahren war. Und noch eine Information: dass britische Sandwichketten mit 20 Prozent ihres Sortiments 80 Prozent ihres Einkommens erzielen. Denn trotz des miesen Wetters erinnere ich mich gern an diesen Tag zurück, nicht zuletzt wegen des überraschend interessanten Podcasts über die Sandwichindustrie in Großbritannien.

    Sonntagskolumne über Podcasts

    Ohne seine Podcasts wäre Kolumnist Jonas um viel lieb gewonnenes, unnützes Wissen ärmer.

     

    Wie oft ich mich ohne Podcasts langweilen würde! Ich höre sie nicht nur während des Bus- oder Bahnfahrens, sondern auch beim Einkaufen, beim Kochen und beim Putzen. Das Pendeln zur Uni wird zum Höhepunkt so manch eines grauen Novembertages und sogar vor dem Putzen des Bades stellt sich Vorfreude ein. Sobald Richard Fidler seinen nächsten Gast bei „Conversations“ vorstellt, umgibt mich das warme Gefühl des Vertrauten, ob er nun mit Hillary Clinton oder einem australischen Ozeandampferenthusiasten redet. Dabei muss ein Podcast gar nicht gut sein, weil die Themen interessant sind. Natürlich ist es spannend, mehr über den Einfluss von Überbevölkerung auf den Klimawandel oder die Erschaffung genetisch veränderter Honigbienen zu hören – letztere werden übrigens „Frankenbees“ genannt. Manchmal reicht es jedoch schon, wenn die Chemie zwischen Gastgeber und Gästen stimmt oder man lang genug dabei ist, um die Insiderwitze zu verstehen. Irgendwann kennt man die Charakterzüge der Anwesenden auswendig, weiß alles über die Abneigung der Gastgeberin gegenüber Artischocken, bemerkt die eigentümliche Leidenschaft des Dauergastes für feministische Science-Fiction-Literatur der 70er Jahre oder erkennt die Katze des Gastgebers als gleichwertiges Mitglied der Podcastbesetzung an. Dabei kann der Einstieg in einen neuen Podcast schwierig sein: Die einzelnen Stimmen auseinander zu halten dauert ebenso lang wie die Namen der Gäste zu verstehen, die am Anfang routiniert heruntergerattert werden. Bevor sie charmant werden, können die Eigenheiten der Mitglieder merkwürdig oder sogar unsympathisch erscheinen. Das Gute an der einer Einbahnstraße gleichenden Beziehung der Hörenden zum Podcast ist, dass niemand beleidigt ist, wenn man nach drei Folgen den „Deabonnieren“-Knopf drückt.

    Für mich ist meine Podcast-App eine Insel zwischen dem schrillen Klingeln der Bahn, dem blubbernden Wasserkocher in der Küche und Einkaufswagen kapernden Fünfjährigen im Supermarkt, auf der ich immer wieder interessante Personen, originelle Ideen und andere Perspektiven entdecke. Niemals hätte ich gedacht, dass im „Alles Gesagt?“-Podcast der ZEIT ausgerechnet Herbert Grönemeyer eine der intelligenteren Analysen der Probleme in Ostdeutschland vornehmen würde oder mir Christian Lindner noch unsympathischer werden könnte. Und was würde ich nur ohne mein Wissen um sozialistische Bürgermeister Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA tun? Da verkrafte ich auch die merkwürdigen Blicke, wenn ich mitten auf dem Gehweg plötzlich laut lachen muss, weil Sokrates gerade mit aufrichtiger Empörung als „der nervigste Mensch der Welt“ bezeichnet wurde.

    Du, geneigte Leserin oder geneigter Leser, magst mir jetzt vorwerfen, ich kapsele mich durch mein ständiges Podcasthören von meinen Mitmenschen ab. Ich bezweifle jedoch stark, dass ich beim Einsteigen in die überfüllte Linie 2 neue Freunde finden oder beim Greifen nach dem gleichen Bund Karotten im Supermarkt eine wichtige Bekanntschaft für mein zukünftiges Berufsleben machen werde.

    Letztendlich ist es egal, ob ich das Intro schon mitsingen kann oder den einzelnen Stimmen noch Namen zuordnen muss: An einem nassen, kalten Tag im Februar auf dem Weg nach Hause nach einem Fußballspiel ist das, was einem guten Buch vor dem Kaminfeuer am nächsten kommt, ein Podcast über irgendein obskures Thema, das von Menschen, die keine Ahnung von meiner Existenz haben, mit großer Leidenschaft diskutiert wird.

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