„Als Christ konntest du meist nicht studieren“

Benjamin Sasse

Landesbischöfin Ilse Junkermann tritt nach dem Ende ihrer Amtszeit zum 1. September eine Forschungsstelle an der Universität Leipzig an. Ein Gespräch über Kirche vor der Wende und heute

In ihrer Forschungsstelle beschäftigt sich die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit „Kirchlicher Praxis in der DDR“. Fast 30 Jahre nach dem Mauerfall hat student!-Autor Benjamin Sasse mit ihr über die besondere Rolle der Kirche im SED-Staat und die ostdeutsche Nachwendegesellschaft ge­sprochen.

student!: Was hat Sie an die Universität Leipzig verschlagen?
Junkermann: Das hat mit dem Thema und dem Forschungsgegenstand zu tun. Es geht bei dieser Forschungsstelle darum, den Forschungsstand zu „Kirch­licher Praxis in der DDR“ festzustellen und den weiteren Bedarf zu definieren. Das Ganze findet zusammen mit anderen statt, die in diesen Bereichen geforscht haben. Und zwar nicht unter dem Hauptaspekt der kirchlichen Zeitgeschichte, sondern der praktischen Theologie: Was hat Kirche in der Minderheit und in der Diktatur hier an eigener Theologie und Praxis entwickelt? Dieses Thema hat nach der Wende wie vieles, was in der DDR entwickelt und gelebt worden ist, erstmal eine Zurückstellung erfahren.

Sie stammen aus Baden-Württemberg. Wie hat sich Ihr Interesse an Kirche in der DDR entwickelt?
Zwischen der Thüringer Kirche und der Württembergischen Landeskirche gibt es schon sehr lange eine enge Partnerschaft. Sowohl zwischen Gemeinden, als auch durch die berühmten „Westpakete“, die an Familien in der DDR geschickt wurden. Ich habe als Kind erlebt, wie meine Mutter für eine Familie Dinge in ein Paket gepackt hat, die wir nicht bekommen haben, weil sie zu teuer waren. Dieser Neid war für mich damals traumatisch! [lacht] An Heiligabend gab es dieses Gedenken an die Gemeinden in der DDR und die Menschen dort, indem man eine Kerze ins Fenster gestellt hat. Das waren eindrückliche Gesten der Verbundenheit, ebenso wie die wechselseitigen Besuche, als ich Gemeindepfarrerin war. Das war allerdings schon nach der Friedlichen Revolution Ende der 1980er Jahre. Ich war nach langer Zeit als Pfarrerin dann Studienleiterin in der Vikarsausbildung (vergleichbar mit dem Referendariat, Anm. d. Red.). Wir haben gemeinsame Kurswochen mit Vikaren und Vikarinnen aus Thüringen und Württemberg organisiert. Zudem gab und gibt es bis heute regelmäßige wechselseitige Besuche der Kirchenleitungen.

Gab es auch gemeinsame Themen, welche die Kirche in Ost und West bewegt haben?
Entscheidend war auch die Friedensbewegung in den 1970ern. Ich habe 1976 Abitur gemacht: Da war die Biermann-Ausweisung (Dem kritischen DDR-Liedermacher Wolf Biermann wurde nach einem Konzert im Westen die Wiederein­reise verweigert. Anm. d. Red.), die Verschärfungen in der Politik, die Verfolgung der offenen Jugendarbeit in Jena mit der Verhaftung und dem Tod von Matthias Domaschk (DDR-Bürgerrechtler, der unter unge­klär­ten Umständen in Stasihaft ums Leben kam, Anm. d. Red.). Das war unser Altersgenosse! Das hat uns sehr intensiv beschäftigt. Auch die Diskussion über den Sozialismus: Wo kommt der in der Kirche vor und wie ist das zu beurteilen? Zum Beispiel die staatsnahe Kirche und die im Widerstand. Wir haben theologisch diskutiert, aber eben schon theologisch-politisch.

Die Leipziger Nikolaikirchgemeinde war prominent an den Ereignissen von 1989 beteiligt. Spielt das für Sie in Ihrer Forschung eine besondere Rolle?
Es war überaus wichtig, wie Kirche ihren Auftrag an alle Menschen und ihre Mitverantwor­tung für die Gesellschaft und die Welt wahrgenommen hat. Da hat die Kirche eine wichtige Funktion eingenommen, weil sie im Vorfeld der Friedlichen Revolution eine der ganz wenigen Nischen in der DDR war, wo Menschen sich sammeln konnten. Gerade in der Kirche gab es offene Jugendarbeit, die Punks konnten ihre Musik machen und man konnte frei diskutieren, mit mehr oder weniger vielen Spitzeln. Insofern spielten die Leipziger Friedensgebete eine große Rolle. Ich denke, dass es bei der Friedlichkeit dieser Revolution, gerade im Oktober 1989, entscheidend auf diejenigen ankam, die gesagt haben: „Keine Gewalt!“. Mit der Kerze in der Hand, damit man nicht zuschlagen kann.

Stichwort „Spitzel“: Die Stasi-Unterwanderung reichte doch auch bis in die Kirche hinein. Haben sich die ostdeutschen Landeskirchen der Verantwortung in der Aufarbeitung angemessen gestellt?
Ja. In der Auseinandersetzung damit, wer für die Stasi hauptamtlich und wer „inoffiziell“ gearbeitet hat, gab es Aufarbeitungen und Befragungen. Man musste für sich selbst erst einen Weg finden, damit umzugehen. Wie sprechen wir miteinander? Wie können wir weiter miteinander leben, ohne dass wir das verdrängen müssen? Da braucht es noch Zeit. Die Aufarbeitung von Fällen, in denen die Kirchenleitung schuldig geworden ist, hat unter der jetzigen Leitung die Diskussionen gefördert.
Es gibt aber noch immer erheblichen Diskussionsbedarf. Mich erinnert das an die NS-Aufarbeitungs-Situation. Kann man in einer Diktatur anders handeln? Egal was ich mache, ich werde schuldig. Wenn ich jetzt den Oppositionellen unterstütze, weiß ich nicht, was das für die anderen 300 Pfarrer bedeutet, für Familien und Angehörige. Es ist eine Gratwanderung. Da braucht es noch Aufarbeitung, auch in der Hinsicht, zu den Menschen zu gehen und zu fragen: Wie geht es Ihnen heute damit? Was steht für Sie noch aus, um innerlich damit abzuschließen? Auch wenn klar ist: Eine schlimme Geschichte kann man niemals „gutmachen“. Diese Form der Aufarbeitung fehlt noch.

Würden Sie sagen, es hat überhaupt schon Fortschritte in der Aufarbeitung gegeben?
Unbedingt. Das hat heftige Diskussionen angestoßen, auch innerhalb der Kirche. Es hat dazu geführt, dass wir in unserer Kirche einen Beirat für Aufarbeitung und Versöhnung einberufen haben. Und das hat auch die öffentliche Debatte angestoßen. Eine Fernwirkung: Als in Thüringen DIE LINKE mit der SPD und den Grünen in die Regierungskoalition ging, wurde in den Koalitionsvertrag etwas Wichtiges aufgenommen: dass die Geschichte der Schülerinnen und Schüler, deren Bildungsbiografie massiv beein­trächtigt wurde, erforscht wer­den soll. Wenn du Christ warst, konntest du in der Regel kein Abitur machen oder studieren. Das hatte Auswirkungen auf dein ganzes Leben. Es wäre wichtig anzuerkennen, dass das kein individuelles Versagen und deshalb von den Einzelnen zu tragen ist, sondern es als Folge der staatlichen Religionspolitik mit solchen Auswirkungen bis heute anzuerkennen.

Interview Junkermann

Landesbischöfin Junkermann tritt im September eine Forschungsstelle an der Universität Leipzig an.

Würden Sie sagen, es gibt heute Unterschiede zwischen West und Ost in der Art und Weise, wie Kirche Einfluss auf das gesellschaftliche Leben nimmt?
Erhebliche. In den alten Bundesländern sind die Volkskirchen noch präsent, auch wenn es dort ebenfalls einen deutlichen Mitgliederrückgang gibt. Die Säkularisierung wirkt in der gesamten westlichen Welt. Aber dort ist Kirche noch eine wichtige Stimme in der Gesellschaft und wird auch von den anderen gesellschaftlichen Verantwortlichen beachtet.

Es gibt dort ein Bewusstsein dafür, dass Kirche einen Dienst an der ganzen Gesellschaft tut, indem sie die inhaltliche Diskussion, die ethische Verantwortung des eigenen Handelns immer wieder zum Thema macht. So zum Beispiel in der Frage der Organspende. Das wird in den gesellschaftlichen Diskurs einge­bracht und dort im Be­wusstsein gehört, dass der Staat diese ethische Urteilsbildung nicht leisten kann. Wenn er das an sich zieht, würde er zu einem totalitären Staat werden. Er braucht für den öffentlichen Diskurs verschiedene staatsunabhängige Akteure. Deswegen ist die Kirche im Westen präsenter als im Osten. Hier sind wir in einer großen Minderheit. An dieser Stelle müssen Kirche und kirchliche Vertreter sehr viel mehr begründen und erweisen, was sie tun, wie alle anderen in der Gesellschaft auch. Das ist eine große Herausforderung und das tut uns gut.

Können Sie diese Ost-West-Unterschiede an einem Beispiel erläutern?
Eine besondere Herausforderung betrifft die Sprache: Unsere Botschaft verständlich zu machen, ist schwierig, wenn Menschen nichts mehr von den Grundgeschichten des christlichen Glaubens wissen.

2017 hatte man mich gebeten, in Magdeburg die Schirmherrschaft für die CSD-Parade zu übernehmen. Ich habe gefragt: „Wie kommen Sie auf mich?“ — „2017 ist irgendwie mit Kirche und Sie gelten als aufgeschlossen uns gegenüber.“ Weil ich zur Parade nicht anwesend sein konnte, wurde ein Video mit meinem Grußwort aufgenommen. Ich habe überlegt: Was sage ich jetzt? Da habe ich über den Regenbogen gesprochen. Als Zeichen für Frieden und Vielfalt, dass Gott Frieden will für die Welt, setzt er diesen Bogen. Nach der Videoaufnahme haben die Journalisten gesagt: „Das ist ja ‘ne dolle Geschichte, wo haben Sie die denn her? Wir wussten gar nicht, dass unser Regenbogen noch so eine andere Geschichte hat!“ Das ist für mich ein sprechendes Beispiel für völligen Traditionsabbruch.

 

Fotos: Pauline Reinhardt

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