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  • Von Geistern und Dämonen

    Nina Lischke

    In Doris Dörries neuem Film „Kirschblüten und Dämonen“ wird der alkoholkranke Karl mit dem japanischen Geisterglauben konfrontiert und stellt sich seiner Vergangenheit, um zu sich selbst zu finden.

    Wenn man von Kinderbeinen an in seinem Sein abgewertet wird, rastet man entweder irgendwann aus und sucht sich seinen eigenen Weg, oder man verstellt sich und geht daran zugrunde. So jedenfalls ergeht es Karl (Golo Euler), erfolgreicher Geschäftsmann, der nach dem Tod seiner Eltern in einem Sumpf aus Selbstzweifeln und Hilflosigkeit versinkt. Die Identitätskrise versucht er im Alkohol zu ertränken, was ihm eine gesunde Beziehung zu seiner geliebten Tochter verbaut. Da steht plötzlich die junge Japanerin Yu (Aya Irizuki), eine Bekannte von Rudis Vater, vor seiner Tür in München. Yu dringt in das zerrüttete Leben Karls ein und zwingt ihn, sich seinen Problemen zu stellen. Gemeinsam fahren sie in sein Elternhaus, das verlassen auf einer Alm steht. Im Vollrausch wird Karl von einem schattenhaften Dämon verfolgt und begegnet immer wieder den Geistern der Vergangenheit. Zum Beispiel tritt er ins Zwiegespräch mit seinen toten Eltern (gespielt von Hannelore Elsner und Elmar Wepper) und durchlebt erneut Kindheitserinnerungen. Dem Vater war er zu sensibel, den Geschwistern zu mütterlich umsorgt. Das Verhältnis zu ihnen ist kühl. Inwiefern diese Geister real sind oder nur herbei halluziniert, bleibt offen.

    Als Fortsetzung des erfolgreichen Films „Kirschblüten – Hanami“ (2008), bei dem es eher um die Eltern ging, stehen in „Kirschblüten und Dämonen“ die Kinder im Vordergrund, vorrangig das Nesthäkchen Karl.

    Aufgewühlte Vergangenheit: Karl (Golo Euler) mit seinen toten Eltern (Hannelore Elsner und Elmar Wepper) am Tisch

    Mit Yu trifft Karl zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Menschen, der ihn so annimmt, wie er ist. Als Mensch; obwohl er nach dem in der Familie vorherrschenden Männerverständnis kein „echter Mann“ ist, sondern sensibel und mitfühlend, einer, der nicht weiß, wo er hingehört. Sie verliebt sich unvoreingenommen in einen Charakter, der sich selbst zu lieben verlernt hat. In den „Geisterstunden“ fragen die Eltern, warum er nicht glücklich sei, was er aus seinem Leben mache. Und Karl fängt an, zurückzufragen, beginnt zu verstehen, wie sehr auch seine Eltern geprägt sind von den Erfahrungen ihrer eigenen Familien. „Kinder sind so enttäuschend“, lautet der Leitsatz des Vaters.

    „Kirschblüten und Dämonen“ nähert sich feinfühlig dem Konflikt zwischen gesellschaftlichen Rollenerwartungen und individuellen Wünschen. Er hinterfragt Konstrukte wie Identität und Familie. Und er spielt mit surrealen Elementen einer Geister- und Dämonenwelt, auf die sich der Zuschauer erst einmal einlassen muss. Es gibt viele kleine Spannungsspitzen, wodurch immer wieder unvorhersehbare Wendungen eintreten. Zum Beispiel als Karl beinahe stirbt und später nach Japan reist, um herauszufinden, wer er eigentlich ist. Und auch dann erst lüftet sich das Geheimnis um die rätselhafte Yu, vor der ihn ein japanischer Reisender zuvor warnt.

    In den Kleidern seiner Mutter versucht Karl zu verstehen, wer er eigentlich ist.

    Der Film ist voller emotionaler Untertöne, durch die die Zuschauer die Gefühlserfahrungen der Charaktere gut nachvollziehen können — wenn ich mich darauf einlasse. Die mit Handkamera gedrehten Geisterszenen und der schattenhafte Dämon können schon hier und da verwirren. Auch das Ende ist sehr symbolisch aufgeladen, wo etwas weniger vielleicht doch mehr gewesen wäre. Denn ob einem erst der Penis abfrieren und Frauenkleider übergeworfen werden müssen, um sich vom starren Männerbild des Vaters zu lösen, erscheint mir fragwürdig.

    „Kirschblüten und Dämonen“ ist dennoch ein empfehlenswerter Film, der facettenreich das Herauskämpfen aus einem Sumpf von Identitätszweifeln begleitet und dabei liebevoll die japanische Kultur einfließen lässt.

     

    Ab 7. März im Kino

    Fotos: Constantin Filmverleih GmbH/ Mathias Bothor

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