• Film
  • Die Neue Atticus Finch

    Conrad Meißner

    „Die Berufung“ zeigt das Leben der U.S.-Amerikanischen Richterin Ruth Bader Ginsburg. Der Film spielt mit den Emotionen des Publikum und dennoch fehlt es ihm an Tiefe.

    Mimi Leders Film „Die Berufung“ (On the Basis of Sex) erzählt die Geschichte der Richterin des Obersten Gerichtshofs der USA, Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones), eine begabte Harvard-Absolventin, die in den 50er Jahren aufgrund ihres Geschlechts nicht aktiv Recht praktizieren durfte. Der Film überspannt einen weiten Zeitraum und fasst verschiedene Facetten von Ginsburgs Leben in den Fokus. Beginnend mit ihrer Immatrikulation an der Harvard Universität für Jura im Jahr 1954 macht er mehrere Sprünge bis zu einem entscheidenden Steuergerichtsfall im Jahr 1970, den Ginsburg, als Pionierin für die Rechte der Frau in den USA, schließlich übernimmt. Neben diesem im Mittelpunkt der Handlung stehenden Gerichtsprozesses, der das den gesamten Film untermalende Problem des Sexismus auf die Spitze treibt, werden auch Ginsburgs Beziehungen zu ihrem Mann Martin (Armie Hammer) und ihrer Tochter portraitiert.

    Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones) als Pionierin für die Rechte der Frau in den USA

    Der Film ist bewegend, keine Frage. Doch schon in diesem weiten Feld an Motiven liegen die Schwächen der Erzählung. Das alt-bekannte Leitbild des für die Gerechtigkeit kämpfenden Underdogs á la Atticus Finch (auf diesen wird im Film mehrmals angespielt) beweist sein Potenzial, und ist von Leder wirkungsvoll in Szene gesetzt. Aber nicht zuletzt durch seine Handlung berührt „Die Berufung“. Erst Jones‘ überzeugende Darstellung einer intelligenten, unnachgiebigen und doch in keinem Fall kaltherzigen Frau haucht den Szenen Leben ein. Untermalt von gut ausgewählter klassischer Musik (im Gegensatz zu den meisten Filmen über die Epoche ist beinah kein einziges Rock ´n´ Roll Stück zu hören) entsteht ein emotionales Erlebnis, das den Zuschauer durchaus zu fesseln weiß.

    Die Berufung

    Ruth (Felicity Jones) und Martin (Armie Hammer) mit ihrer Tochter Jane (Cailee Spaeny)

    Und dennoch, dem Film fehlt Tiefe. Kein nahegehender Konflikt verläuft neben der Haupthandlung. So rührend diese zu sein scheint und „rechtschaffen“, mutet sie letztendlich doch als kitschig an. An keinem Punkt steht für die Handelnden etwas Größeres, etwas Tatsächliches auf dem Spiel. Natürlich ist die Gleichberechtigung für Männer und Frauen, damals noch mehr als heute, von ungemeiner Wichtigkeit. Aber den beiden Protagonisten Ruth und Martin, wohl situierte Rechtsgelehrte aus der New Yorker Innenstadt, fehlt es an jenen persönlichen Einsätzen, die das Ringen um Emanzipation zu einem echten Drama werden lassen. Der Zuschauer muss nicht um Ruths oder Martins Existenz bangen. Keine tiefergreifende Erkenntnis scheinen auf den Kinobesucher zu warten.

    Nichtsdestotrotz weiß der Film die Emotionen des Zuschauers anzusprechen, jenen grundlegenden Wunsch nach Gerechtigkeit und Heldentum, der vielleicht in manchen mehr, in anderen weniger, aber bestimmt in uns allen vorhanden ist.

     

    Ab 7. März im Kino

    Fotos: eOne Germany

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