• Film
  • Predigen wir Liebe

    Pia Benthin

    Tief im Glauben verankert beginnt der 19-jährige homosexuelle Jared, an sich selbst zu zweifeln und begibt sich in „Der verlorene Sohn“ in die gefährlichen Fänge einer Konversionstherapie.

    1973 entfernte die American Psychiatric Association Homosexualität aus dem Handbuch psychischer Störungen. Im Zuge der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde der Paragraf 175, welcher Homosexualität unter Strafe stellte, erst 1994 endgültig aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen. Doch bis heute werden in 36 Bundesstaaten der USA Konversionstherapien an homosexuellen Jugendlichen durchgeführt, um sie „umzupolen“. In seinem Buch „Boy Erased: A Memoir“ beschreibt Garrard Conley, wie er selbst eine solche Therapie durchläuft. Auf Grundlage dessen inszeniert Joel Edgerton „Der verlorene Sohn“.

    Jared Eamons (Lucas Hedges) wächst behütet bei seiner Familie in einer Kleinstadt in den amerikanischen Südstaaten auf. Sein Vater Marshall (Russel Crowe) ist Baptistenprediger der Gemeinde, sodass Glaube eine große Rolle im Leben der Familie spielt. Am College entdeckt Jared, dass er sich mehr für Männer interessiert als für seine High-School-Freundin. Nach einer traumatischen Erfahrung outet sein bisheriger Schwarm Henry (Joe Alwyn) ihn anonym bei seinen Eltern. Für seinen strenggläubigen Vater bricht die Welt zusammen. In der Überzeugung, das Richtige zu tun verspricht Jared seinem Vater, sich zu ändern und begibt sich daraufhin mit seiner Mutter Nancy (Nicole Kidman) auf den Weg in ein Therapiezentrum. Unter der Leitung von Victor Sykes (Joel Edgerton) durchlaufen die Jugendlichen die „Therapie“ bei „Love in Action“, welche vorgibt sich an der Bibel zu orientieren.

    Bei den Eamons herrscht traditionelle Rollenverteilung.

    „Der verlorene Sohn“ ist ein Film, der sich auf eine ruhige und recht sachliche Art und Weise einem komplizierten Thema widmet. An keiner Stelle verurteilt der Film die Eltern oder den Glauben für die fehlende Akzeptanz, auf die Jared stößt und die Dinge, die er während der Therapie durchlaufen muss. Die Unmenschlichkeit des Programms lässt einen erschrecken und wünschen, dass das alles nicht wahr ist und es keine Menschen gibt, die so verblendet handeln. Es scheint wie eine Geschichte, die sich jemand ausgedacht hat, dass man die Natur des Menschen durch Beichte und Buße ändern könnte. „Der Gedanke, dass es solche Lager gab und in vielen Ländern immer noch gibt, ist krank und extrem gefährlich. Und ganz bestimmt ist es nicht die Art, damit umzugehen, wenn dein Kind zu dir kommt und sagt, dass es schwul oder lesbisch ist“, äußert sich Troye Sivan, der im Film Gary spielt, der ebenfalls am Programm Teil nimmt und Jared Tipps gibt, wie man es durchstehen kann. Mit seinen Worten bringt er genau das auf den Punkt, was der Film an vielen Stellen nicht schafft.

    In seinem Buch „Boy Erased: A Memoir“ meint Garrard Conley selbst, dass das Programm viel mit „1984“ von George Orwell gemein hätte. Doch gerade, weil es keine Science-Fiction ist, hat „Der verlorene Sohn“ nicht nur eine Berechtigung, sondern auch eine Notwendigkeit. Doch dafür bräuchte es sehr viel mehr Reflexion im Film. Der echte Jared, Garrard Conley, engagiert sich stark in der LGBTQ-Community, heißt es im Abspann des Films. Die Handlung endet aber nicht damit, dass das gezeigt wird. Viel mehr wird sich auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn konzentriert und die Mutter gezeigt, die aus dem klassischen Rollenbild ausbricht und sich nicht mehr wortlos ihrem Mann unterstellt. Ein wenig mehr Mut wäre hier wünschenswert gewesen. Man hätte den Film gut nutzen können, um positive Energie zu vermitteln und eine Gesellschaft zu stärken und nicht nur zu zeigen, was falsch läuft. Vor allem wenn auch das Teil der wahren Geschichte ist, auf der der Film basiert. Als Zuschauer*in verlässt man den Kinosaal schon fast mit einem mulmigen Gefühl, weil die Perspektive stark christlich geprägt ist und das Weltbild der Familie zum Ende nur teilweise geöffnet wird. Außer Jared schafft es aus seiner Gruppe fast niemand, den Fängen von „Love in Action“ zu entfliehen. Das ist ein Punkt, den man stärker hätte beleuchten können. Reihenweise werden Nebencharaktere eingeführt, aber es fehlt die Botschaft dahinter und die Chance, auszubrechen.

    In der Konversionstherapie müssen die Teilnehmer ihre „Sünden“ beichten.

    Die Stimmung des Films ist eher verhalten und oft bedrückend, vor allem wenn man anders aufgewachsen ist und es schwerfällt, diese Beweggründe zu verstehen. Stark glänzen die Schauspieler*innen, vor allem Lucas Hedges als Jared. Als Vorbereitung für die Rolle hat sich Russel Crowe mit dem Vater von Garrard Conley in dessen Kirche getroffen, um die Beziehung richtig darzustellen. Das überträgt sich auf den Film sehr positiv und Crowe wirkt gefestigt in seinem Portrait. Neben Hedges und Crowe spielt Nicole Kidman eine große Rolle und bringt die Südstaaten-Ehefrau mit ihren blonden Locken und falschen Nägeln recht klischee-, aber sehr glaubhaft rüber.

    Man will einfach aus dem Kinosessel aufstehen und etwas sagen, weil es im Film niemand wirklich zu tun scheint. Als Zuschauer*in wird man aktiv gefordert, selbst zu denken und sich dem entgegenzustellen. Wer nicht mit einer gefestigten Meinung in den Film geht und sich dem dagegen positioniert, läuft einfach mit dem Gedankengut veralteter Werte mit. Die Thematik scheint so fern, wenn vor der Universität die Regenbogen-Flagge wehte und der Diskurs über Geschlecht und Sternchen schier überall ist. Doch genau das macht den Film wichtig und relevant, denn das einzige was man 2019 predigen sollte sind Liebe und Akzeptanz.

     

    Kinostart: 21. Februar 2019

    Fotos: Universal Pictures Germany / Focus Features

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