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  • Bach und Pergolesi in Indien

    Elena Pyatigorskaya

    Die Inspiration für „Magnificat“ entnahm Choreograph Mario Schröder der klassisch westlichen und traditionell indischen Musik, sodass ein musikalisch wie tänzerisch ungewöhnliches Ballett entsteht.

    „Magnificat anima mea dominum“ – meine Seele erhebt den Herrn. Diese Worte leiten den Lobgesang Marias ein, der aus dem Lukasevangelium des Neuen Testaments stammt. Im neuen Ballett „Magnificat“, das am 9. Februar Premiere in der Oper Leipzig feierte, setzt sich der Ballettdirektor und Chefchoreograf, Mario Schröder, mit den biblischen Motiven auseinander, die in zwei berühmten Werken thematisiert werden: im „Magnificat“ von Johann Sebastian Bach und im „Stabat Mater“ von Giovanni Battista Pergolesi.

    Der Bühnenvorhang geht hoch. Die Tänzer stehen vom Publikum abgewandt auf der Bühne und ihre strahlend orangefarbenen Gewände werden wie von einer unsichtbaren Macht kurz in die Luft gehoben. Das goldene Licht scheint durch die Vorhänge hindurch und ruft schon in der Eröffnungsszene biblische Assoziationen hervor. Das Besondere an dem neuen Ballett ist, dass es zwei auf den ersten Blick unvereinbare Musikwelten zusammenbringt, die sich letztendlich auf eine besondere Art ergänzen. Auf der einen Seite sind es zwei bekannte Werke der klassischen europäischen Musik des 18. Jahrhunderts ─ „Magnificat“ von Bach und „Stabat Mater“ von Pergolesi ─ die ungefähr in der gleichen Zeit entstanden sind. Auf der anderen Seite steht traditionelle indische Musik. Im Gegensatz zur klassischen westlichen Musik, die meist für große Orchester geschrieben wurde und wenig oder keinen Improvisationsraum zulässt, ist die Musik aus Indien durch Einstimmigkeit, kleine Ensembles und vor allem Spontanität gekennzeichnet. Die Grundprinzipien, die sogenannten Ragas und Talas, Melodie und Rhythmik, geben der Musik ihre Struktur.

    Ballettrezension Oper Leipzig

    Das Rad ist ein Symbol für den ewigen Kreislauf von Geburt und Tod. Foto: Ida Zenna

    Alles andere geschieht aus dem Moment heraus. Die Klänge der Sitars, das russische Knopfakkordeon und die lebensbejahenden Rhythmen füllen den Saal und schaffen auf einmal ganz neue Klangräume. Der aus Malaysia stammende Musiker Ravi Srinivasan spielt mit seiner Band Indigo Masala direkt auf der Bühne und interagiert mit den Tänzern auf eine besondere Art. Ihre Musik nimmt Ursprünge in der klassischen indischen Musik, ist sehr meditativ und zum Teil inspiriert von der hinduistischen Mythologie. Die Windgeräusche, das Pfeifen und das Vogelgezwitscher versetzen das Publikum in eine andere Welt, in der auch die Tänzer eine Verwandlung durchmachen. Die Sprache der Arme und der Hände ist dabei unübersehbar: Mal verwandeln sie die Tänzer in einen Vogel, mal erinnern sie an die schönen und feinen Handbewegungen im indischen Tanz, mal schwingen sie fremdgesteuert und unkalkuliert mit.

    Die Geschichte des „Magnificats“ ist eine revolutionäre, es ist ein Lobgesang Marias, der Mutter Gottes. Es ist „ein hartes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht“, wie Dietrich Bonhoeffer es 1933 in Worte fasste. Flöten, Oboen, Trompeten, Pauken, Streicher, Fagotten und Orgel schaffen zusammen mit dem Chorgesang im „Magnificat“ eine freudige, jubelnde Stimmung. Das „Stabat Mater“, ein mittelalterliches Reimgebet, schildert, im Gegensatz zum leidenschaftlichen und hoffnungsvollen Lobgesang der Mutter Gottes, das Leiden, den Schmerz und den Kummer Marias am Kreuz Jesu.

    Die Idee bei der Entwicklung des Balletts „Magnificat“ war, „keine konkrete Figur einzuführen, sondern die Emotionen, die Maria erlebt, zu erweitern und zu betrachten als Emotionen, als Zustände, als Erlebnisse, die wir alle kennen und die auch heutzutage überall erlebt und erlitten werden“, teilte der Dramaturg Thilo Reinhardt dem Publikum in der öffentlichen Probe am 29. Januar mit.

    Die gelben Vorhänge als Teil des Bühnenbildes sind permanent in Bewegung, sowie ein großes Rad in der Mitte einer gewaltigen Gerüstkonstruktion, das sich unaufhörlich dreht und ein Symbol für einen ewigen Kreislauf von Geburt und Tod darstellt. Es spielt auch als Zyklus des Seins in vielen Religionen eine zentrale Rolle. Während die indischen Melodien und Rhythmen das Körperliche und eine Verbundenheit mit der Natur darstellen, steht das Werk von Bach für den Geist und „Stabat Mater“ für die Seele. Die Körpersprache der Tänzer verschärft die Musikwahrnehmung, indem sie eine Palette neuer Assoziationen und Interpretationen entstehen lässt.

     

    Fotos: Ida Zenna

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