• Kolumne
  • In einer Beziehung mit Microsoft Word

    Hanna Lohoff

    Vorlesungsfreie Zeit heißt Hausarbeiten, heißt für viele Stress. Dabei setzt man sich mit einer Thematik so intensiv auseinander, dass man bei der Abgabe einen leichten Trennungsschmerz verspürt.

    Das Rascheln von Papier, monotone Tippgeräusche, der nervöse Versuch, den Stecker in die Dose zu bugsieren, eine Flasche, die etwas zu laut auf dem hölzernen Tisch abgestellt wird, zwischendurch ein leises Naseschniefen und Husten. Ich befinde mich in der Bibliotheca Albertina und lausche bei meinem erfolgreichen Prokrastinieren den Geräuschen um mich herum. Sie drücken Eifrigkeit aus, Kontinuität, Fleiß und eine schleichend ansteigende Panik. Ich hebe den Blick von meinem Laptopbildschirm und beobachte die Person mir gegenüber. Sie sieht nicht zufrieden aus mit dem, was sie da fabriziert. Skeptisch betrachtet sie ihren Bildschirm und fasst sich dabei immer wieder nervös ans Kinn. Ein paar Plätze weiter sitzt ein Student mit Kopfhörern, der wie ich durch den Raum schaut, als würde er etwas suchen. Unsere Blicke treffen sich und ich senke schnell wieder den Kopf, um mich den anderen Nach-unten-Gebeugten anzupassen.

    Nun beginnt sie wieder: die Zeit der Hausarbeiten. Für viele eine Zeit des Sich-darüber-Beschwerens und Froh-Seins-wenn-es-endlich-vorbei-ist. Als Geisteswissenschaftlerin habe ich schon seit drei Jahren keine Klausur mehr geschrieben und werde auch in meinem Leben in keiner Prüfung mehr sitzen. Stattdessen halte ich die Prüfung mit mir selbst ab. Sechs Wochen für drei Hausarbeiten – challenge accepted. Es gibt einige, die mich darum beneiden. „Gar keine Klausur in diesem Semester? Du Glückliche!“ Ja, ich Glückliche! Das bin ich tatsächlich. Nicht, weil das bedeutet, dass ich gar keine Arbeit habe oder dass ich dieses stetig ansteigende Panikgefühl nicht kennen würde. Sondern weil ich mich einem selbst gewählten Thema intensiv widme, statt Formeln und Folien in mein überfordertes Gehirn zu stopfen, um sie dann in 60 Minuten wieder auszuspucken und das Übriggebliebene mit Sterni vom Fass im StuK runterzuspülen.

    Kolumnistin und Redakteurin Hanna Lohoff

    Kolumnistin Hanna kann dem Schreiben von Hausarbeiten etwas Positives abgewinnen.

    Ich führe die kommenden Wochen eine Beziehung mit Microsoft Word; und mit Büchern, Online-Aufsätzen, der Website der Universitätsbibliothek. Bei vielen mag der Gedanke daran vor allem eines auslösen: Stress. Doch ich freue mich auf diese Zeit. Eine Zeit, die ich mir frei einteilen kann. In der ich von der Nutzung Sozialer Netzwerke über das Interaktionsmodell von Erving Goffman bis hin zur journalistischen Darstellung der MeToo-Debatte switchen kann (ja, Studiengang „Irgendwas mit Medien“). Sechs Wochen, in denen ich die verschiedensten Bibliotheken ausprobieren und mich quer durch das Angebot der Mensen testen kann. Oder aber, in denen ich jeden Tag in dieselbe Bib zum selben Platz gehen kann, sodass ich den Biorhythmus meiner Sitznachbar*innen am Ende besser kenne als meinen eigenen und wir uns jeden Tag in Gedanken „Hallo“ und „Tschüss“ sagen.

    Ich will nicht behaupten, dass ich nicht auch froh wäre, wenn ich einmal mit dem Finger schnipsen und mich zu dem Moment beamen könnte, an dem ich vor dem Briefkasten im Institut stehe. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich die weißen Stapel von Papier, in denen all die Stunden in der Bib stecken, endlich durch die kleinen Schlitze stopfen kann. Doch das Beamen wurde leider noch nicht erfunden und Zeitmaschinen gibt es nur im Film (worüber ich übrigens auch mal eine Hausarbeit schreiben könnte). Und nachdem ich mich einem bestimmten Thema so intensiv gewidmet habe, empfinde ich im Moment der Abgabe nicht nur ein Glücksgefühl, sondern jedes Mal auch einen leichten Trennungsschmerz.

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