• Kultur
  • Leere Räume schaffen Platz für Diskussionen

    Pauline Reinhardt

    In diesem Jahr präsentieren die Meisterschüler*innen der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Klassenräume, die so leer sind wie die Taschen ihrer Schule. Warum sich ein Besuch trotzdem lohnt.

    Die Präsentation ihrer Werke beim jährlichen HGB Rundgang ist für die Meisterschüler*innen ein wichtiges Ereignis, das auch an potenziellen Arbeitgeber*innen nicht vorbeigeht. Dieses Mal haben Rektorat und Studierendenrat (StuRa) gemeinsam mit den Meisterklassen, also denjenigen, die das Grundstudium beendet haben, beschlossen, keine Kunst auszustellen. Denn sie haben erkannt, dass der Hochschulbetrieb in dieser Form nicht weitergeführt werden kann.

    Die HGB streikt. Dass sich alle Klassen geschlossen an dem Protest beteiligen, ist ein starkes Zeichen, denn wie eine Studentin mit Blick auf frühere Rundgänge berichtet: „Dort geht es um uns, die Studierenden.“ An diesem Wochenende präsentieren sie sich nicht als Kunstschaffende, sondern als Diskussionsanstoßende. Ihre Forderungen lassen sich ganz klassisch auf Flugblättern nachlesen: mehr Finanzierung, mehr Stellen, mehr Raum.

    Im digitalen Hier und Jetzt angekommen, ist hingegen das Übertragen der Leere auf die Website der HGB. Sie ist zum offenen Forum umfunktioniert worden. Wer in den nächsten Tagen die HGB besucht, kann den Studierenden live dabei zusehen, wie sie die dort geposteten Kommentare verwalten. Neben Gedichten, Fragen und Forderungen von allen gibt es auch festgelegte Zeitpunkte, an denen sich Persönlichkeiten der HGB online äußern. Auch unter dem Hashtag #hgbjetzt finden sich auf Instagram und Twitter Bilder und Meinungen zu den leeren Wänden und ihrer Bedeutung.

    Ein Dozent fasst es so auf: „Wenn man von Leere spricht, verwechselt man das häufig mit Nichtdasein.“ Er hingegen sehe in der Aktion einen Hinweis darauf, dass die Produktion von Kunst immer schwieriger wird.

    Luisa Hohlfeld, die Vorsitzende des StuRa der HGB, bettet diese Schwierigkeiten in ihrer Eröffnungsrede in einen größeren Kontext ein. Sie beschreibt einen „globalen und schlechtenfalls epochalen Prozess“, in dem Wirtschaftlichkeit für Hochschulen an erster Stelle stehe und Bildung nur für einkommensstärkere Menschen verfügbar sei. Sie sieht den Protest als Anstoß für weitere Politisierung und Vernetzung.

    HGB Rundgang

    An den Wänden hängen keine Bilder, sondern Statements.

    Auf den ersten Blick zeigt sich vor allem: Die Räume, die teilweise von Klassen mit bis zu 40 Teilnehmenden genutzt werden, sind häufig nicht einmal groß genug, um alle Schüler*innen zu fassen und damit viel zu klein für das Schaffen von Kunst. Viele Studierende mieten sich deswegen privat Ateliers an – eine unnötige finanzielle Belastung für ein Studium an einer staatlichen Hochschule.

    Der HGB-Rundgang bietet mehr als nur die Möglichkeit, an leeren Wänden und in leeren Flaschen nach Hinweisen auf Kunstproduktion zu suchen. In einem Raum kann man zum Beispiel Twister spielen. Mit den Anwesenden ins Gespräch kommen ist hingegen überall möglich. Am Samstag findet außerdem ein Netzwerktreffen von Studierendenräten der Kunst- und Musikhochschulen aus ganz Deutschland statt. Am Sonntag gibt es einen Runden Tisch mit Vertreter*innen der Leipziger Kultureinrichtungen zu dem Thema „Sächsische Kultur- und Bildungspolitik und ihre Auswirkungen auf Leipziger Kunstinstitutionen“. Ein Besuch von Eva-Maria Stange, der sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, wird ebenfalls erwartet. Das sei nicht selbstverständlich, so ein Vorstandsmitglied. Man hoffe auf ihr Verständnis als Bündnispartnerin.

    Gefeiert wird auch. „Das wird keine Trauerveranstaltung, wir genießen dieses Studium – die meisten zumindest“, antwortet eine Studentin auf die Frage, ob eine Party trotz des Protestes inkonsequent sei. Neben der gestrigen Veranstaltung im Institut für Zukunft (IfZ) sind in der HGB verschiedene Bars aufgebaut.

    Rundgang in der HGB

    Zu den wenigen ausgestellten Objekten gehören von den Studierenden hergestellte Geldscheine.

    Die leeren Räume werfen viele Fragen auf, wie die nach dem Platz von Kunst in der Gesellschaft. „Der Luxus, den sich die Gesellschaft leisten muss, wenn sie frei ist“, formuliert es ein Student. Man kann sich über die leeren Räume ärgern. Man kann sie aber auch nutzen, um das Verhältnis von Kunst und Politik zu hinterfragen, über die Aufgaben von Kunst, Hochschulen und Kunsthochschulen nachzudenken und vor allem das eigene Verhältnis zur Kunst zu reflektieren.

    Der HGB-Rundgang ist am Freitag, den 15. Februar und Samstag, den 16. Februar von 11 bis 22 Uhr, am Sonntag, den 17. Februar von 11 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

     

    Fotos: Pauline Reinhardt

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