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  • Familienunterhaltung zum Heulen

    Luise Mosig

    „Ailos Reise“ ist keine klassische Tierdokumentation, wie man sie von ARTE und ZDF kennt. Der Film über das Leben der Rentiere Lapplands unterhält, berührt und hat eine klare Message.

    Von einem Dokumentarfilm über Rentiere in Lappland „für die ganze Familie“ erwartet man spektakuläre Naturbilder und kompakt zusammengefasstes Wissen über Flora und Fauna im hohen Norden Europas. Diese Erwartungen werden in „Ailos Reise“ definitiv erfüllt. Man rechnet jedoch nicht damit, nach halber Spielzeit schniefend im Kinosessel zu versinken.

    „Ailos Reise“ ist eine französisch-finnische Produktion unter Regie von Guillaume Maidatchevsky, gelernter Biologe, später Wissenschaftsjournalist und heute Naturfilmer. Der Film dokumentiert das erste Lebensjahr eines Rentierjungen, genannt Ailo, von seiner Geburt an bis zur Selbstständigkeit von seiner Mutter. Im Trailer zum Film zitiert Sprecherin Anke Engelke eine finnische Überlieferung: „Ein neugeborenes Rentier hat – um zu überleben – fünf Minuten Zeit, um sich auf die Beine zu stellen und fünf Minuten, um zu lernen, wie man rennt und schwimmt.“ Wie viel Wahrheit in diesem Sprichwort steckt, wird mit jeder Szene deutlicher. Ailo muss sich vom ersten Lebenstag an gegen die raue Natur behaupten: Seine Feinde sind die Kälte, der Hunger und die vielen Fressfeinde, die seiner Herde auflauern. Er zieht, immer im Schutz seiner Mutter, gemeinsam mit der Herde von den Bergen herab zu den Sommerweiden am Fjord. Dabei lernt er die Regeln der Natur kennen; trifft auf lustige Gesellen der weißbedeckten Wälder wie den Lemming und den Schneehasen. Als sich der kurze Sommer dem Ende entgegenneigt, machen sich die Rentiere wieder auf den Weg in die Berge. Dicht auf den Fersen ist ihnen ein Rudel hungriger Wölfe, das schließlich ein Herdenmitglied erbeutet. Ailo kommt mit dem Leben davon und wird auch seinen zweiten Sommer in Lappland erleben dürfen.

    Als der Herbst kommt, hat das Rentierjunge bereits ein kleines Geweih und sein Fell färbt sich dunkel.

    Vom Tag seiner Geburt an begleitet der Zuschauer das Rentierjunge Ailo und sieht ihm beim Erwachsenwerden zu.

    Schnell wird deutlich, dass das Produzententeam einen anderen Anspruch hatte, als das Leben der Wildtiere schlicht und einfach filmisch festzuhalten. Jedes einzelne Tier vom Polarfuchs über den Bären bis zum Hermelin stellt einen Charakter dar, der unablässig für die Dramaturgie des Films ist. Ailo ist der Held der Geschichte, der sich von einem wehrlosen Neugeborenen in ein mutiges Rentierjunges verwandelt. Dabei wird er mit typischen Mitteln eines Spielfilms in Szene gesetzt: Das Filmen auf Augenhöhe hebt ihn als Individuum einer riesigen Herde hervor; seinem Gesicht und seinen Bewegungen kann man Emotionen entnehmen. In einigen Sequenzen, beispielsweise als Ailo von den Wölfen gejagt wird, entspricht die Kameraperspektive der Sichtweise Ailos, der sich in rasender Geschwindigkeit durch dichtes Geäst kämpft. Die Einstellungen erzeugen so punktuell Emotionen, die einen sonst beim Schauen von Krimis oder Dramen einholen.

    Obwohl die durch Kameraeinstellungen und gewieften Schnitt herbeigeführte Vermenschlichung der Tiere starke Emotionen hervorruft (Es ist nun mal zum Weinen, wenn eine entkräftete Rentiermutter ihr Neugeborenes voller Zweifel zurücklässt, um die Herde nicht zu verlieren, und schließlich doch umkehrt, weil sie es so sehr liebt!), ist man sich als Zuschauer in jeder Minute des Films bewusst, dass man wilde Tiere vor sich hat. Wilde Tiere, deren komplettes Leben von ihren Instinkten bestimmt ist und die einfach nur überleben und sich fortpflanzen wollen.

    Die wilden Tiere Lapplands spielen neben dem Protagonisten Ailo eine wichtige Rolle in der Naturdokumentation.

    Die verspielten Bärenjungen sind zwei von vielen Nebencharakteren des Films.

    Man geht mit einer zermürbenden Erkenntnis aus dem Kinosaal: Der größte Feind Ailos ist letztendlich der Mensch, der im Film nur in Form einer Armee aus Harvestern auftritt, die sogar in der Nacht die Wälder Lapplands in Akkordarbeit abholzen. Für Ailo sind es riesige, rumorende Monster, die ihn jagen wie Wölfe und Steinadler. Und es ist Realität, dass jeder Eingriff des Menschen in die Natur Lapplands die seit tausenden Jahren gleiche Wanderroute der Tiere bedroht. Zu guter Letzt sind es die Auswirkungen des Klimawandels, die die Existenz der letzten vier wildlebenden Rentierherden in dieser Region gefährden.

    „Ailos Reise“ ist keiner der vielen Tierdokumentarfilmen, die man jeden zweiten Abend im ZDF und auf ARTE zu sehen bekommt. Es ist ein berührender und packender Spielfilm, in dem die wilden Tiere Lapplands die Haupt- und Nebenrollen übernehmen.

     

    Ab 14. Februar im Kino

    Fotos: Gaumont Productions / Carl-Johan Utsi

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