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  • „Es muss definitiv mehr getan werden“

    Laura Camboni, Hagen Küsters

    Martin Schulz zählt zu den besten Triathleten der Welt. Im Interview mit student! sprach er über sportliche Ziele, Förderungsmaßnahmen in Sachsen und Erwartungen an die Medien.

    Der Paralympics-Sieger von 2016 sorgt nicht nur mit seinen Erfolgen für Aufsehen, sondern ebenso mit seinem Einsatz für mehr Anerkennung des Behindertensports. 

    student!: Wie bist du zum Triathlon gekommen?
    Schulz: Ich bin schon sehr früh zum Schwimmsport gekommen und habe den ein oder anderen Volkslauf in meiner Heimat bestritten. Mein Onkel hat auch Triathlon gemacht und in meinem ehemaligen Schwimmverein in Döbeln trainierten ein paar Triathleten, die mich ziemlich schnell für den Radsport begeistern konnten. Triathlon hatte für mich schon immer etwas Abenteuerliches. 

    Favorisierst du eine der Disziplinen?
    Grundsätzlich versuche ich bei allen drei Disziplinen das Maximale aus mir herauszuholen. Im Training laufe ich am liebsten, während ich im Wettkampf eher das Radfahren mag. Aber auch das Alternativtraining im See macht super viel Spaß. Gerade Leipzig hat da viele Möglichkeiten: Im Sommer im Kulkwitzer See zu schwimmen, das hat schon was!

    Triathlon ist ein sehr zeitintensiver Sport. Wie viele Stunden trainierst du in der Woche?
    In einer normalen Woche trainiere ich zwischen 20 und 25 Stunden. In einem Trainingslager können das durchaus auch mal 35 Stunden sein. Es gehören natürlich noch organisatorische Dinge dazu, wie Wegezeiten, Trainingsvorbereitungen und Gespräche mit dem Coach. Das ist schon eigentlich ein Vollzeitjob.

    Wieso „eigentlich“?
    Ich bin noch bei der Stadt Leipzig im Amt für Sport angestellt und beschäftige mich dort mit Inklusion und Integration in den Leipziger Sportvereinen. Das lebe und erlebe ich natürlich täglich selbst. Die Arbeitszeit ist sehr flexibel, was mir als Leistungssportler entgegenkommt. Ich bekomme beispielsweise Freistellungen für Wettkämpfe und Trainingslager. Ist ja nicht so, dass ich mich stur auf den Sport konzentriere, sondern auch mal links und rechts schaue, was in der Leipziger Sportwelt passiert, speziell im Behindertensport. Es ist mir sehr wichtig, Inklusion und Integration voranzubringen. 

    Paratriathlet Martin Schulz

    Triathlet Martin Schulz präferiert bei einem Wettkampf das Radfahren…   Foto: Filipe Belo

    Du bist der erste Para-Triathlet, der bei den Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Paralympischen Spielen Gold geholt hat. Gibt es für dich überhaupt noch Ziele, die du unbedingt erreichen willst?
    Das nächste große Ziel ist gar nicht mehr lange hin: Paralympische Spiele in Tokio 2020. Hier möchte ich mindestens eine Medaille holen. Und klar liebäugle ich ein bisschen damit, das Triple Gold zu wiederholen. Zudem möchte ich die Serie mit meinen Europameistertiteln nicht abreißen lassen. Mein Ziel nach Tokio ist auf jeden Fall, den 10. Titel bei den Europameisterschaften zu holen.

    Bei den offiziellen Langdistanz Weltmeisterschaften der Profis auf Hawaii ist bis jetzt kein Para-Triathlet an den Start gegangen. Eine mögliche Herausforderung für dich?

    Auf jeden Fall! Theoretisch würde das auch gehen. Ich bin zurzeit der Einzige, der in der Triathlon Bundesliga mit Handicap startet und da schlag ich mich ja auch ganz gut. Und ich denke, dass das Format an sich, also die Langdistanz, mir sogar entgegenkommt. Klar ist dann dort nicht das Ziel, Hawaii zu gewinnen.

    Auf der Sächsischen Sportgala 2019 (student! berichtete online) hast du dich darüber geäußert, dass Para-Sportler in Sachsen „leider mit der Lupe gesucht werden müssen.“ Was hast du damit gemeint?

    Es gibt insgesamt zu wenig paralympische Athleten in Sachsen, die den Schritt in den Leistungssport wagen. Und die erfolgreichen Para-Sportler, die aus dem Freistaat kommen, starten zumeist nicht für sächsische Vereine. Ein Beispiel wäre Christane Reppe (Paracycling/Handbike; Anm. d. Red.), die aus finanziellen Gründen den Landessportbund gewechselt hat. Ich verstehe nicht, warum der Sächsische Behindertensportverband das nicht auf die Reihe bekommt. Insgesamt müssen bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, also gute Trainingsstätten gut ausgebildete und bezahlte Trainer sowie die Verbindung von Sport mit Schule, Uni und Arbeit. Dadurch könnte man Behindertensportler definitiv nach Dresden oder Leipzig locken. Darüber hinaus ist es in den neuen Bundesländern grundsätzlich schwierig, was Sponsoring von großen Firmen im Sport angeht.

    Paratrathlet Martin Schulz beim Wettkampf

    …. hat aber gegen Alternativtraining im See auch nichts einzuwenden. Foto: Filipe Belo

    Schenken Medien deiner Meinung nach dem Para-Sport genügend Aufmerksamkeit?
    Es muss definitiv mehr getan werden. Die Medien sagen zwar immer, dass die Zuschauer und Leser bestimmen, was gezeigt wird. Aber wenn es nicht angeboten wird, kann es auch nicht geschaut oder gelesen werden. Fußball hingegen wird einem mehr oder weniger aufgedrängt. Man kommt bis hin zur 5. Liga nicht drum herum. Da sehe ich auf jeden Fall die Pflicht bei den Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen, mehr zu tun. Ich bin auch keiner, der auf den Fußball schimpft. Die haben sich einfach gut aufgestellt und es schauen natürlich schon mehr Leute.

    Kommen wir noch einmal auf deine sportliche Karriere zurück. Welche Wettkämpfe stehen für dich als nächstes an?
    Wie jedes Jahr stehen Europa- und Weltmeisterschaften an. Das sind natürlich immer kleine Meilensteine für mich. Und im Sommer beginnt auch die Qualifikationsphase für Tokio. Bevor es aber so richtig losgeht, fahre ich erst einmal für drei Wochen ins Trainingslager nach Südafrika.

     

    Fotos: Filipe Belo

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