• Kolumne
  • Take Care and Goodbye!

    Theresa Moosmann

    Als Student*in befindet man sich häufig in Deutschen Bahnen, und nicht immer genießt man das in vollen Zügen. Eine solche Reise bietet jedoch ungeahnte Chancen, wenn man nur will.

    Die Deutsche Bahn ist ein Alarmwort. Genauer gesagt, drei Alarmworte. In jedem Radiobeitrag, in jedem Zeitungsartikel, in jedem persönlichen Gespräch. Es scheint, als müsse sich jede*r, wenn die magischen 15 Buchstaben fallen, echauffieren. Es wird gekämpft, Geschichte um Geschichte –wer hat mehr unter diesem gewinngeilen, völlig verspäteten und überhaupt völlig falsch geführten Unternehmen gelitten? „Gestern erst, da war schon wieder eine S-Bahn zu spät, schon das dritte Mal in dieser Woche!“ „Das ist noch gar nichts.“, entgegnet da ein Anderer – er steckte, und jetzt haltet euch fest, ganze sechs Stunden zwischen München und Berlin fest. Als sie noch dem Staat gehörte, damals, da war alles besser! Saftladen!

    Nun, das Bordbistro eines ICEs hat mehr zu bieten als Saft. Aber das ist hier nicht der Punkt. Kolumnist Jonas Waack stellte im Dezember die Frage: Wenn wir uns nicht über Weihnachten beschweren sollen, worüber dann? Ich wüsste da etwas. Die Deutsche Bahn ist das beste Beispiel der deutschen Beschwerdekultur. Es gab sie schon lange bevor es das Wort „Wutbürger“ in den Sprachgebrauch schaffte. Wir sind es gewohnt, sämtliche Dinge in Rekordzeit optimieren zu können. Und noch dazu hat es die Deutsche Bahn nicht leicht, in einem Land, in dem Autos heilig sind und Tempolimits auf Autobahnen laut einem allseits geschätzten Verkehrsminister „gegen jeden Menschenverstand“ verstoßen. Wenn Züge zu spät sind, scheint das die größte Verletzung der deutschen Leitkultur zu sein, die schmerzhafte Seite, die es abzustoßen gilt. Unpünktlich, unzuverlässig, ineffizient – das sind nicht wir!

    Kolumnistin Theresa

    Kolumnistin Theresa sieht in Zügen vor allem die Chance, sich ungezwungen zu sozialisieren.

    Nun, ob wir es wahrhaben wollen, oder nicht: Wir können einiges lernen in einem ICE. Lassen wir uns auf diese kurze Fantasiereise ein. Graziös bewegen wir uns mit 300 Kilometern pro Stunde durch die deutschen Landschaften. Wir passieren Strommasten, Wälder und hier und da eine verfallene Scheune. Und dann – ein rotes Signal. Wir halten an und bekommen die Nachricht: Weichenstörung. Könnte dauern hier, macht es euch gemütlich. Wenn der Gong ertönt, rollen die Fahrgäste schon mit den Augen: War ja klar, dass das wieder schiefgeht, mit dieser Deutschen Bahn. Es stimmt zwar, dass man oft genug einen Anschlusszug verpasst oder es tatsächlich eilig hat. Manchmal mag man sich sogar fragen, ob es seit neuestem Zeitverschiebung zwischen den Bundesländern gibt, denn man ist doch schon vor einer Ewigkeit losgefahren. Aber oft genug ist die ganze Aufregung ziemlich umsonst. Nicht nur unser Mercedes Benz ist das Ergebnis grandioser deutscher Ingenieurskunst, auch in einem Zug steckt eine Menge wunderbares Handwerk. Und in einem ICE kann man seine Gelassenheit trainieren und dabei noch nette Menschen kennenlernen. Wer braucht Partnerbörsen, wenn die Preise so hoch sind, dass man in einem vollen Zug während einer Störung umgeben ist von Elite-Partnern?

    Ich gebe zu, ich schreibe diese Kolumne als Person, die sich überdurchschnittlich gerne in öffentlichen Verkehrsmitteln befindet. Nirgendwo anders funktioniert es besser, zu einer dramatischen Liebesballade die Landschaft vorbeiziehen zu sehen, als in einem Zug. Und manchmal darf man sich eine bestimmte Hecke eben auch für längere Zeit und genauer ansehen, während sich die Weiterfahrt aufgrund eines Polizeieinsatzes im vorausfahrenden Zug verzögert. Was aber das Beste ist, ist das Kribbeln. Und das ist unbezahlbar. Werde ich pünktlich ankommen? Hat mir diese ausgesprochen attraktive Person von gegenüber gerade eine Sekunde zu lang in die Augen gesehen? Und atmet die alte Dame im Vierer neben mir insgeheim durch, weil ich ein Buch von Hermann Hesse lese und sie die Hoffnung in die Jugend wiedergefunden hat? Wir werden es niemals erfahren. Aber das ist auch nicht schlimm, denn der Zauber liegt genau darin.

    Zwischen den dunkelblauen Sitzen mit den kleinen hellen Punkten passiert so viel Leben, man muss nur darauf achten. Und wer meint, das sei romantisiert, dem kann ich den letzten Fahrtwind aus den Segeln nehmen. Es passiert tatsächlich: Christian und Kaspar waren zunächst nur meine Leidensgenossen, als wir gemeinsam einen Anschlusszug verpassten und eine Stunde in Augsburg auf den ICE nach Leipzig warten mussten. Wir alle, Studierende mit Rucksäcken und IKEA-Taschen in der Hand, gefüllt mit Weihnachtsgeschenken und Mamas Essen, auf dem Weg zurück in den Ernst unseres Studiums. Wir hatten den Spaß unseres Lebens auf dieser Fahrt, und haben bis heute Kontakt.

    Ist es nicht toll, dass die Deutsche Bahn uns solche Gelegenheiten bietet? Im Grunde sind wir doch ab und an auch dankbar, tief in uns drinnen, dass man eine Ausrede beim Chef hat, die niemals angezweifelt werden kann. Oder dass man immer ein Gesprächsthema hat, und bei einem gescheiterten Date nicht nur gezwungen über das Wetter sprechen muss, oder darüber ob man Brot einfrieren kann.

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