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  • Eingestürzte Neubauten

    Benjamin Sasse

    Das Zeitgeschichtliche Forum zeigt Fotografien des Niederländers Martin Roemers, der makabre Überreste des Kalten Krieges in ganz Europa aufgesucht hat.

    An dem Tag, der niemals kam, stürzten aus dem Himmel mehrere atomar bestückte Interkontinentalraketen auf die Städtelandschaft Mitteldeutschlands. Ziel waren Militär und Industrie, aber auch die allgemeine Infrastruktur des dicht besiedelten Ballungsraumes. Leipzig verschwand durch eine 15-Megatonnen-Wasserstoffexplosion in einem Feuerball. Über eine Million Menschen in der Region kamen sofort zu Tode. Wolkentürme aus Asche und radioaktivem Staub überragten Sachsen.

    Zu dieser Albtraumvision ist es Gott sei Dank nie gekommen, obwohl sie noch vor etwa 30 Jahren ein plausibles Bild der Zukunft zu sein schien. Dass sich dennoch an vielen halbvergessenen Orten der Geist jener Tage erhalten hat, zeigt eine neue Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum. In „Streng geheim – Spuren des Kalten Krieges“ zeigen Fotografien des Holländers Martin Roemers verlassene Atombunker, Flugzeughangars, Raketenleitstände, Testgelände und Kasernen. Zwischen 1998 und 2009 ist Roemers zu Schauplätzen in zehn verschiedenen Ländern gereist, sowohl in den ehemaligen Ostblock als auch in westeuropäische Staaten. Der entsprechende Fotoband ist schon länger vergriffen, die Bilder also nicht ohne weiteres zugänglich. Das einstmals geteilte Deutschland, das in jedem finalen Konflikt an der Frontlinie gelegen hätte, taucht in den Fotografien dabei besonders häufig auf.

    Sowjetischer Bunker

    Sowjetischer Bunker eines Marinestützpunkts in Liepāja (Lettland, 2002)

    Auf westdeutscher Seite grub man sich etwa in Marienthal bei Bonn für den Ernstfall in die beschaulichen rheinischen Weinberge hinein. Etwa 3.000 Menschen sollten hier für maximal 30 Tage das Fortbestehen der Bundesregierung sichern – allerdings in erster Linie nicht für den Wiederaufbau, sondern um den Gegner auch im Atomkrieg wirkungsvoll mit einem Gegenschlag bedrohen zu können. In Bildern von der anderen Seite des Eisernen Vorhanges blicken bröselnde Mosaike mit ruhmreichen Sowjetsoldaten und Kremltürmen von den Wänden verlassener Kasernen. Auch sonst zieht sich durch die Bilder, was Ausstellungsdirektor Thorsten Smidt „Ästhetik des Verfalls“ nennt: die weit gewölbten Kavernen in Sewastopol auf der Krim, die ganze Atom-U-Boote fassen konnten; Kommandozentralen für die letzten Stunden der Menschheit in skurriler 70er-Jahre-Optik, holzgetäfelt und einschließlich Bakelit-Telefon; gesprengte Hangars der US-Luftflotten in England. Motive aus dem alten Ostblock sind dabei überrepräsentiert, da die dortigen Anlagen durch den Zusammenbruch der sozialistischen Staaten leichter zugänglich sind.

    Aufgelockert werden die Fotografien durch einige dreidimensionale Ausstellungsstücke, am absurdesten dabei vielleicht das nachgebaute Mini-Fernsehstudio, mit dem man sich aus dem Bunker an die Reste der überirdischen Welt wenden wollte. Sonst haben die Kuratoren in Fragen der Gestaltung allzu reißerische Bunker-Optik explizit vermeiden wollen, konnten jedoch die Lichtgestaltung mit einem Elektriker des westdeutschen Regierungsbunkers Marienthal abstimmen. So genießt man also Leuchtröhrenlicht, wie es für Helmut Kohl bestimmt war.

    Von solchen Details abgesehen, stumpft man bei der Betrachtung aneinandergereihter Ruinen aber auch rasch ab. Vieles kommt einem aus der in den letzten Jahren gehypeten „Lost Places“-Fotografie bekannt vor, doch muss man Roemers zugutehalten, mit seinen Arbeiten früher als viele andere begonnen zu haben. Wenn Roemers’ Projektleiter Hans-Joachim Westholt von einem „Disneyland des Kalten Krieges“ spricht (und dabei Assoziationen mit Banksys dystopischem Vergnügungspark „Dismaland“ weckt), weist das auf die Spannung hin, welche die Ausstellung zwischen dem rein dokumentarischen und dem künstlerischen Blick zu halten versucht. Der Künstler sucht das Morbide, das Verfallene, und sieht dabei vielleicht über die intakten und nach wie vor genutzten Strukturen hinweg, die den Kalten Krieg ebenso überdauert haben – wohl aber weiterhin kaum zugänglich sind.

    Am stärksten beeindruckt vielleicht, sich vor Augen zu führen, welches Maß an Material, Arbeitskraft und Forschung in diese Anlagen geflossen ist, die Smidt „Festungsanlagen des 20. Jahrhunderts“ nennt. Auf das „Nie wieder Krieg“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgte nur wenig später ein neuerlicher beispielloser Materialeinsatz in Vorbereitung auf den nächsten zerstörerischen Konflikt. Die Ausstellung präsentiert daher das erwartete Ende der Welt als mittlerweile zerfallenen Teil der Vergangenheit – ein geschichtliches Gruselkabinett voller Dinge, von denen ich als Deutscher froh bin, dass sie nie zu ihrer vorbestimmten Verwendung gelangten. Ob diese Vergangenheit wirklich vergangen bleibt, scheint heute wieder fraglich, da die USA und Russland ihre Abrüstungsverträge gerade aufgekündigt haben. Wer Hoffnung in den Ruinen des letzten Kräftemessens sucht, wird im Zeitgeschichtlichen Forum noch bis zum 30. Juni fündig. Gesprächsrunden sind zur Begleitung der Ausstellung geplant. Eintritt frei.

    Fotos: Martin Roemers

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