• Kolumne
  • Kein Laufsteg

    Julia Nebel

    Die Optimierung der äußeren Erscheinung kam während der Schulzeit als Pflicht daher. An der Uni ist das zum Glück anders.

    Sie verbreiteten Angst und Schrecken: die Laufstegjurorinnen an meiner ehemaligen Schule. Während der Gymnasialzeit untersuchte ich jeden Abend im Spiegel, ob auf meinem Kopf nicht doch irgendwo eine leicht fettige Haarsträhne lauerte oder ob mir nur die Lichtreflexion der Badezimmerlampe einen Streich spielte. Im Zweifel entschied ich mich auch kurz vor Mitternacht noch zur Haarwäsche – besser weniger Schlaf als missbilligende Blicke oder Getuschel. Denn damit wurde eine Mitschülerin mit Beinbehaarung bedacht. Also inspizierte ich vorm Sportunterricht am nächsten Tag genauestens meine Beine und Achseln auf eventuelle Härchen. Wimperntusche und Kontaktlinsen gehörten in meiner Klasse irgendwie auch zum Standard. Wer als hübsch gelten wollte, konnte nicht mit Brille umherlaufen. Verstöße gegen die ungeschriebene Kleiderordnung wurden mit verletzenden Kommentaren belohnt. Die Laufstegjurorinnen attestierten nicht nur die Ausprägung des Stilbewusstsein, sondern zugleich den Beliebtheitswert.

    Kolumnistin Julia ist froh, dass ihr an der Uni niemand vorschreiben will, wie sie auszusehen hat.

    Seit ich studiere, ist das alles entspannter. An der Uni interessiert die äußere Erscheinung schlicht niemanden. So ist zumindest mein Eindruck. Um aufzufallen, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Die Kommiliton*innen sind geschminkt oder nicht geschminkt, akkurat frisiert oder verstrubbelt. Der gemütliche Bib-Look mit ausgeleiertem Pulli und bequemer Hose ist genauso zu beobachten wie Anzugträger*innen. Brüste müssen nicht in dickwattierten Körbchen versteckt werden. Die reale Welt ist nicht Instagram und wir wissen, wie Körper aussehen können. Brillen sind bei so vielen angestrengt lesenden Augen keine Seltenheit und es existieren kaum Farbkombinationen, die nicht irgendjemand an der Uni trägt. Ich sehe mal frischer aus, mal wie drei-Stunden-zu-wenig-Schlaf-und-die-Haare-hätten-es-auch-mal-wieder-nötig. Trotzdem fühle ich mich beim Vorlesungsbesuch oder in der Mensa nicht unwohl oder befürchte, andere machten sich gerade Gedanken über meinen Anblick.

    Natürlich habe ich mich seit der Schulzeit verändert. Pubertätswirren rücken in immer weitere Ferne und mit dem Alter wird man vielleicht etwas weiser. Vernunfterwägungen haben bei mir irgendwann gegenüber dem unbedingten Wunsch auf ein ästhetisch ansprechendes Äußeres gesiegt. Mir ist es nun herzlich egal, wie unkleidsam mein dickster Winterpullover ist, solange ich nicht friere. Die Laufstegjurorinnen von damals sind, so ist zu hoffen, fast vier Jahre nach dem Abitur sicherlich auch verträglicher geworden. Abgesehen davon, dass Hochschulen normalerweise von erwachseneren Menschen als Schulen frequentiert werden, denke ich, dass gerade der Universitätskosmos zu einem entspannteren Umgang mit dem eigenen Äußeren beiträgt. Im besten Fall ist er ein Ort der Vielseitigkeit, der Raum zur Entfaltung bietet, auch in diesem eher banalen Bereich – aber bitte kein Laufsteg.

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