• Kultur
  • Eine Platte voller Herz und Punk

    Dennis Hänel

    Wenn ihr euch vor lauter synthetischer und zurechtgeschliffener Konsum-Begleitmusik schon ganz leer fühlt, dann haucht das Album „Jade“ von Pascow euch wieder etwas Gefühl in die Hörmuskeln ein.

    Die Zeit des Erwachens ist gekommen. Pascow bringen mit „Jade“ Album Nummer sechs in den Handel und deine Windschutzscheibe zum Erzittern. Ganze drei Jahre hat es gedauert, bis sich die Punkband aus Gimbweiler und nicht aus L.A. mit dem Soundtrack zur Merkel-Jugend der Generation Nokia wieder gemeldet haben. Ist es verratzt? So viel sei schon mal gesagt – die Platte hat echt Herz. Obwohl der Schlag ins Gesicht der alten Fans bei Szenebands heute schon fast zum guten Ton gehört, bleibt sich die Kapelle treu.

    Wütender und rostiger Punk, roher Gesang in einer einzigartigen Symbiose mit kryptischen Texten vom Mond über Moskau oder von Kierkegaard und BWL, kombiniert mit einem melodisch-akkuraten Gitarrenfluss – das Rezept der „Pascow-Formel“ und damit die wichtigste Medizin in der Szene, 2019.

    Die erste und düsterer als gewohnt daher kommende Single-Auskopplung „Silberblick und Scherenhände“ schmierte uns schon im letzten Jahr viel Pathos aufs Brot und überraschte mit der Abwesenheit der erwarteten „kryptischen Scheiße“, blieb aber ansonsten dem gewohnten Zwickau-sehen-und-sterben-Feeling sehr treu.

    Umso härter war der Schritt hin zur zweiten Single „Wunderkind“. Keine Gitarren, kein Geschrei, nur viel Melancholie, ein Piano und das Gefühl, der Track ballere jede Sekunde los – aber dann eben doch nicht, nur 2,5 Minuten echte Gefühle. Genau das zeigt aber eindrucksvoll die Weiterentwicklung und Experimentierfreude der Band, vom üblichen Fluchen und Fauchen hin zu besagtem edlen Instrument, weiblichen Stimmeinlagen, Ska-Passagen und Cheerleading-Einlagen. Insgesamt ist das Album ähnlich wie „Diene der Party“ und hat sowohl gemächlicheres Liedgut als auch „Marie“ oder „Unter Geiern“ zu bieten, während auf der anderen Seite politischere und treibendere Stücke, wie „Kriegerin“, „Jade“ oder „Heute Jäger, morgen Taucher“, den Sonntagsspaziergang oder das Trampen nach Norden angenehmer machen. Wenn ihr also mal wieder unten am Fluss eine stabile und authentische Punkband hören und unterstützen wollt, die noch nicht derart zum Establishment gehört, dass sie von unserem Außenminister angepriesen wird, geht nicht in irgendeinen Film oder zum Friseur, sondern holt euch das edle Gestein. Ich bin dann mal durch.

    Foto: Rookie Records

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