• Kolumne
  • Sprache ist Macht

    Pauline Reinhardt

    Kolumnistin Pauline antwortet auf die letzte Sonntagskolumne, indem sie die Macht von Sprache betont und die Geschichte von Wörtern erzählt.

    Vor einer Woche erschien an dieser Stelle eine Kolumne, die gegen politisch korrekte Sprache und für besseres Zuhören plädierte. Man solle weniger auf die Wortwahl und mehr auf den dahinterstehenden Inhalt achten.

    Ich entgegne dem: Sprache ist Macht. Und mit Macht kommt Verantwortung. Wer sich in der glücklichen Situation befindet, mit einer Sprache gut umgehen zu können, sollte sie dementsprechend reflektiert gebrauchen. Denn für welchen Begriff man sich entscheidet, ist mehr als nur Mittel zum Selbstausdruck. Nuancen lassen sich nicht nur durch Tonfall, Mimik und Gestik ausdrücken, sondern auch durch die Wortwahl. Sonst gäbe es in unserer Sprache – und in all den anderen Sprachen – nicht so viele Synonyme.

    Wie man etwas sagt und was man sagt, lässt sich nicht unbedingt voneinander trennen. Das N-Wort, ausgesprochen von einer weißen Person, ob im Scherz oder Ernst, greift an. Der dadurch hergestellte Unterschied ist größer als alles, was ein vermeintlich auseinanderreißendes Sternchen bewirken kann. Der Begriff beruht nicht auf simplen Unterschieden in der Hautfarbe, sondern auf einer Geschichte von Ausbeutung, Vergewaltigung und Mord. Das Wort und seine Geschichte sind unzertrennlich.

    Kolumnistin Pauline plädiert für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sprache.

    Menschen, die sich von Sprache angegriffen oder ausgeschlossen fühlen, werden und wurden tatsächlich angegriffen oder ausgeschlossen. Als das Sprichwort „die Hosen anhaben“ entstand, durften Frauen dies noch nicht tun. In einer Zeit, in der man von „Schwachsinnigen“ sprach, war die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ Realität. Wer „Republikflucht“ beging, durfte erschossen werden. Die Liste von belasteten Begriffen lässt sich endlos fortsetzen und zieht sich durch die Jahrhunderte und Länder. Sie besteht aus Bezeichnungen für Minderheiten, denen etwas zu „fehlen“ scheint, um dazuzugehören; die etwas nicht sind, das der sogenannten Norm entspricht: das Gegenteil von Weltoffenheit und Toleranz.

    Deswegen sind simple Sprachveränderungen wichtig. Wir brauchen mehr Hausmänner und Fachfrauen, Schokoküsse und Schnitzel Balkan Art. Es ist wichtig, „Pippi Langstrumpf“ neu herauszugeben und auch, der eigenen Großmutter mitzuteilen, welche Worte sie bitte nicht mehr benutzen sollte. Denn wer – egal wie alt – reflektiert genug ist, um zu verstehen, mit welcher Intention er oder sie Worte gebraucht, kann auch lernen, wie andere diese wahrnehmen.

    Vielleicht wird sich die Großmutter das Wort nicht mehr abgewöhnen. Und andere Menschen haben es sich nie angewöhnt. So wird Geschichte jeden Tag weitergeschrieben und mit ihr wandelt sich Sprache. Man kann sich sehr einfach an dieser Fortschreibung beteiligen, denn politisch korrekte Sprache ist leichter zu lernen als Polnisch, Afrikaans oder Vietnamesisch. Es braucht lediglich ein wenig Motivation und Disziplin. Und das Schöne: Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, zwischen denen man sich entscheiden kann. Auch eine Mitgestaltung ist möglich, denn manch sprachlich holpriger Lösungsweg wird immer wieder neu ausgehandelt und ausprobiert. In diesem Text zum Beispiel habe ich kein einziges Sternchen benutzt und trotzdem gegendert.

     

    Diese Kolumne ist eine Antwort auf die Kolumne „Wir verlernen, zuzuhören“.

    Titelfoto: Hans Peters / Wikimedia Commons

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