• Kolumne
  • Wir verlernen, zuzuhören

    Nina Lischke

    Kolumnistin Nina ist kein Fan von übertriebener Political Correctness. Sie findet, wer sich ständig über die Wortwahl anderer echauffiert, verliert den Blick über das Gesagte.

    Immer mehr wird Political Correctness in unseren Alltag integriert. In Zeitungen und öffentlichen Debatten, auf Facebook, Flyern oder ganz einfach in Gesprächen mit Mitstudierenden. Bei all den Diskussionen über den Pool an dem, was diesem und jener in speziellen Situationen übel aufstoßen könnte, vergessen wir vor allem eines: richtig zuzuhören.

    Ein Freund von mir in Spanien ist schwarz. Wenn wir uns über Hautfarben unterhalten, reden wir auch von schwarz und weiß, capuccino oder, scherzhaft, gefleckt (mit Sommersprossen). Er sagt „el negro“ oder „la blanquita“, der Schwarze, die Weiße. Ich sage es auch manchmal, wenn sonst nicht klar ist, wen genau ich meine. Bisher hat sich niemand dadurch von mir beleidigt gefühlt (ja, ich habe nachgefragt). Ich sage es auch nicht abwertend. Und ebenso wenig fühle ich mich beleidigt, wenn ich als „die Rothaarige“ oder „die weiße Deutsche“ bezeichnet werde. Solange kein Hohn mitklingt. Es sind Adjektive. Vielleicht sind sie nicht immer die beste Wahl, aber auch nicht die schlechteste. Meine Oma sagt noch „N…“ und hat dabei immer diese Verwunderung in der Stimme, als wüsste sie noch genau, wie es damals war, zum ersten Mal ein so dunkles Kind zu sehen. Sie sagt es, weil sie dieses Wort für die so anders aussehenden Menschen gelernt hatte und sie sagt es nicht böse. Noch meint sie es so. Aber sie ist in einer anderen Zeit aufgewachsen und das ist nicht zu unterschätzen. Ich sprach sie mal darauf an und sie antwortete nur: „Ach, das ist so drin, wir haben das auch nie beleidigend gesagt.“ Das heißt nicht, dass ich dieses Wort gutheiße, im Gegenteil. Es wurde missbraucht, um angebliche „Rassenunterschiede“ zu verdeutlichen. Ich möchte damit darauf hinweisen, dass ich den Hintergrund und die Erfahrung der Sprecherin berücksichtigen muss und dass sich eine achtzig Jahre alte Dame nicht mehr umgewöhnen wird.

    Kolumne von Nina

    Kolumnistin Nina gendert nicht und findet dennoch nicht, dass sie jemanden ausschließt.

    Ich gendere nicht und schließe dennoch niemanden bewusst aus. Es tut mir leid, wenn andere sich sprachlich missachtet fühlen, weil sie meinen Nicht-Worten so viel Gewicht geben. Ich habe schon zu hören bekommen: „Das heißt Student*innen!“ Hätte es etwas an meiner eigentlichen Aussage geändert? Nein. Da bin ich einfach pragmatisch. Beim Schreiben merke ich den Zwang der politischen Korrektheit deutlicher. Ich versuche mich an der neutralen Form und stoße an Grenzen: ein Sprecher ist nicht einfach ein Sprechender, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber das Sternchen reißt für mich Wörter auseinander, pocht mehr auf Unterschiede, anstatt Gemeinsamkeiten hervorzuheben. Und sieht dazu noch unästhetisch aus. Bei übertriebener Political Correctness wird der Fokus vom Ganzen auf einzelne Wörter gelenkt, der Inhalt der Aussage wird weniger relevant. Eine meiner ersten Erfahrungen dazu war hier in Leipzig. Ich sprach von meinen Freunden. Plural. Und meine Freundin meinte, ich müsse mir hier ganz schnell angewöhnen, „Freund*innen“ zu sagen. Plötzlich ging es nicht mehr um den Inhalt meiner Aussage, sondern alles drehte sich nur noch um dieses Wort.

    In manchen Kreisen habe ich das Gefühl, jeden Satz erst dreimal im Kopf nach möglicherweise unkorrekten Begriffen durchleuchten zu müssen, ohne direkt Herzflattern bei den Anwesenden auszulösen. Und irgendwie scheint der Kanon dieser Tabu-Liste wöchentlich zu wachsen. Was soll das? Sind wir nicht einfach alle nur Mensch? Ich kritisiere nicht, dass man sich mit Worten und ihren möglichen Konnotationen oder Hintergründen auseinandersetzt. Das finde ich sogar wichtig. Reflexion ist eine tolle Sache. Radikales Erzwingen zur Umsetzung der dadurch als absolut einzig und richtig befundenen Meinung eher weniger. Wer sich nur noch im Wertemodus befindet, erreicht auf Dauer vor allem eines: Kommunikationsstopp. Obwohl doch eigentlich das Gegenteil angedacht war. Der Ton macht eben die Musik, und wir können unserem Gegenüber ruhig auch zumuten, die Motive unserer Worte herauszuhören. Ein wenig Empathie walten zu lassen und heraus zu spüren, was mir mein Gegenüber sagen möchte. Und somit ein Gespräch zu ermöglichen, das auf gegenseitigem Respekt basiert, nicht auf Anklage.

    Nachdem vor allem in der linken Szene alle so „weltoffen“ und „tolerant“ sind, spüre ich ziemlich wenig Toleranz gegenüber der Nicht-Anwendung politisch korrekter und stelzig klingender Sprachmuster. Jeder hat seine Gründe, warum er etwas tut oder eben nicht. Nachfragen erlaubt, aber akzeptieren bitte ebenso. Zum Nachdenken anregen funktioniert nicht durch den Fingerzeig, sondern durch Raum lassen – zum Dafür und Dagegen. Veränderungen brauchen Zeit. Bestimmte Dinge werden irgendwann angenommen, andere nicht. Wie Michelle Obama in ihrer Biographie nach einer Begegnung mit Nelson Mandela schreibt: „Echte Veränderungen vollziehen sich langsam, sie brauchen keine Monate oder Jahre, sondern Jahrzehnte oder auch ein ganzes Leben.“

    Titelbild: Pixabay

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