• Kultur
  • Ein Dialog der Kulturen

    Annabell Clemen

    Das GRASSI Museum für Völkerkunde gibt in der Ausstellung „Megalopolis – Stimmen aus Kinshasa“ 24 Künstlern aus dem Kongo die Chance ohne jeden Filter von ihrer Heimat zu berichten.

    Carte Blanche – das bedeutet unbeschränkte Handlungsfreiheit, ein künstlerischer Blankocheck, aber auch ein Dialog, in dem Vertrauen alles ist. Nach diesem Prinzip ließ das Leipziger GRASSI Museum in der Ausstellung „Megalopolis – Stimmen aus Kinshasa“ 24 Künstlern freie Hand, um ihre Welt mit uns zu teilen. Kinshasa, die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, ist die drittgrößte Stadt Afrikas. Eine Metropole mit über 12 Millionen Einwohnern, in der Gewalt und Chaos zu weit verbreiteten Wegbegleitern geworden sind. „Sehen Sie, wie Sie zurechtkommen“, so lautet der einzige Artikel der imaginären, aber allseits bekannten Verfassung der Stadt und so steht er auch auf einer großen Holztafel im Museum geschrieben. Genau dieses Prinzip zeigt die Ausstellung durch die Augen von Menschen, die versuchen mit ihrer Kunst ein Statement zu setzen. Sie wollen etwas tun – gegen die Hoffnungslosigkeit.

    Dass die Lebensbedingungen auf dem afrikanischen Kontinent von den unseren stark abweichen, ist jedem noch so reisemuffligen Deutschen bekannt. Oft ergeben sich unsere Eindrücke jedoch aus über den Bildschirm flimmernden Bildern von strohbedeckten Rundhütten und in der Landwirtschaft tätigen Großfamilien. Von den über 800 Millionen Menschen Afrikas werden aber in 25 Jahren mehr als die Hälfte in Städten leben. Daraus resultieren Probleme, die alle betreffen. Statt Zahlen und Worthüllen werden im GRASSI Museum Einblicke in echte Lebensgefühle, in den täglichen Überlebenskampf in einer afrikanischen Megastadt wie Kinshasa ermöglicht.

    Die Ausstellung „Megalopolis – Stimmen aus Kinshasa“ gibt 24 Künstlern aus dem Kongo eine Stimme.

    Kinshasa-Satellit (Foto: Mo Zaboli)

    Das Leben der zeitgenössischen Künstler in eben jener Heimat gestaltet sich sehr schwer. Es gibt kaum Unterstützung für sie. Die Werke, die ausgestellt werden, müssen klassischen Ansprüchen genügen. Doch genau aus diesen klassischen Mustern wollten die Künstler ausbrechen, so erzählt es Frau Hauth, eine der Organisatorinnen der Ausstellung in Leipzig. Das GRASSI Museum habe dabei ein wahres Experiment gewagt. Denn wären zu Beginn reichlich zwei Monate für die Organisation eingeplant gewesen, so hätte man am Ende noch zwei Wochen gehabt. Grund dafür wären die politischen Spannungen im Kongo gewesen. Ein Visum zur Ausreise? Eine schwierige Angelegenheit. Frau Hauth berichtet auch von der kurzzeitigen Angst, das ganze Projekt könne scheitern – noch bevor man es überhaupt begonnen hat. Doch nach Wochen des Hoffens und Betens wurden die Einreiseanträge von immerhin acht der 24 Künstler zusammen mit den Kuratoren Freddy Tsimba und Eddy Ekete schließlich doch bewilligt. Nun können die Künstler durch ihre Werke zu uns von ihrem Leben sprechen. Hauptmotive sind dabei Korruption, Umweltverschmutzung, die Unterdrückung der Frau, kulturelles Erbe und Ausbeutung.

    Ausstellungsstück im GRASSI Museum für Völkerkunde

    Elektroschrott als kultureller Dialog (Foto: Annabell Clemen)

    Schon beim Betreten der Ausstellung fühlt man, wie einen die Stadt zu verschlingen droht. Wildes Stimmengewirr, das Hupen von Autos, das Surren der Motoren. Orientierungslosigkeit. Originale Aufnahmen aus den Straßen Kinshasas geben bereits einen Eindruck von dem, was einen in der Ausstellung erwartet. Die jungen Künstler zeigen ihre Welt, so wie sie selbst sie wahrnehmen. Dabei wird nicht auf die Tränendrüse gedrückt. Das sei auch nicht das Ziel, so Frau Hauth. Den Künstlern ginge es nicht um Mitleid oder Anerkennung. Was sie wollten: dass ihre Stimmen gehört werden. Die Stimmen aus Kinshasa, die sich in Form von Metall, Elektronik, Pappmaschee, Fotografie, der Magie von Videos, Recyclingmaterial, Kleidungsstücken, Eierschalen und Flip-Flops manifestieren.

    Eines der beliebtesten Materialen in den Skulpturen und Masken der Ausstellung sind Handys. Der Kongo verfügt über ein hohes Coltanvorkommen, welches einen wichtigen Bestandteil in technischen Geräten darstellt. In Videoaufnahmen der Ausstellung sieht man Verkäufer dicht nebeneinander in der afrikanischen Mittagshitze auf klapprigen Stühlen sitzen, ihre Augen sind hoffnungsvoll auf die tausenden Menschen gerichtet, die jede Stunde ihren Stand passieren. Auf ihren Tischen sammeln sich Berge an Waren. Gebrauchte Elektrogeräte, wohin das Auge blickt. In diesen sind zwar die im Kongo abgebauten Bodenschätze enthalten, doch ihre Produktion und Nutzung erfolgte in den häufigsten Fällen in Amerika, Europa oder Asien. Sie fanden allerdings zurück nach Afrika, als sie von den Konsumenten als defekt und unbrauchbar deklariert wurden. Obwohl der Export von Elektromüll nach Afrika als illegal gilt, werden Tausende von Tonnen elektronischer Geräte jedes Jahr über die Grenzen geschleust.

    Zeichnungen in der Ausstellung im GRASSI

    Einblicke in echte Lebensgefühle (Foto: Annabell Clemen)

    Die kinshasischen Künstler schöpfen ihre kreative Kraft aus ihrem Umfeld und machen durch die Verarbeitung der alten Geräte in ihren Werken gleichzeitig sowohl auf das von den Industriestaaten verursachte Müllproblem ihres Landes aufmerksam, als auch auf die schweren Menschenrechtsverletzungen, die mit dem Abbau des Metalls in ihrem Land einhergehen. Diese sind hier in Deutschland immer noch zu wenigen bekannt. Doch eben jene Bodenschätze, wie das besagte Coltan, die unter Gewalteinfluss, Kinderarbeit und Bezahlungen unter dem Existenzminimum gewonnen werden, finden sich auch in unseren Smartphones wieder. Die Ausstellung gibt so nicht nur den Künstlern die Möglichkeit von ihrem Leben zu berichten, sondern auch uns Besuchern, unser eigenes zu reflektieren. Das Experiment des kulturellen Dialogs wird in dem Moment zum Erfolg, in dem wir beginnen unsere Lebenswirklichkeit in Relation zu der in Kinshasa zu setzen. Denn auch wenn wir es nicht direkt spüren, sind unsere Welten doch eng miteinander verknüpft.

    Die Ausstellung „Megalopolis – Stimmen aus Kinshasa“ ist noch bis zum 31. März täglich 10—18 Uhr (montags geschlossen) für Besucher im GRASSI Museum geöffnet. Der reguläre Preis für eine Karte beträgt acht Euro, mit Ermäßigung sechs Euro.

     

    Titelfoto: Mo Zaboli

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