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  • Winterrundgang in der Spinnerei – Kunst bis du nicht mehr kannst

    Ingmar Stange

    Der Winterrundgang auf dem Spinnereigelände zu Beginn des Jahres 2019 bietet eine kostenlose Möglichkeit, sich individuelle Auseinandersetzungen des aktuellen Zeitgeists anzusehen.

    Der Industriecharme des Geländes ist auch etwas für Architekturbegeisterte.

    Leipzig Anfang Januar zeigt sich meistens kalt, nass und grau. Um diesen monochromen Tagen etwas Farbe einzuhauchen, empfiehlt sich wärmstens, am 12. Januar den Winterrundgang auf der alten Baumwollspinnerei zu besuchen. Die von den auf dem Gelände ansässigen Galerien organisierten Rundgänge im Frühjahr, Sommer und Winter ziehen regelmäßig bis zu 15.000 Kunstinteressierte pro Rundgang an, sagt Michael Ludwig, der Leiter des Informationszentrums archiv massiv der Spinnerei. Ludwig hat zu den Rundgängen alle Hände voll zu tun, da er die erste Adresse ist, wenn man auf das Gelände kommt. „Die Rundgänge werden sehr gut von den Leipziger Bürger*innen angenommen“, erklärt Ludwig. Er betont, dass seit einigen Jahren auch eine beträchtliche Anzahl an Besucher*innen aus anderen Städten Deutschlands und internationale Gäste extra für die Ausstellungen anreisen. Anlässlich des Rundgangs werden auf dem ganzen Gelände Vernissagen zu sehen sein. Neben den Ausstellungsflächen und Galerien auf dem Gelände haben zum Rundgang öffnen exklusiv auch viele Ateliers ihre Türen und bieten neugierigen Augen einen Einblick in den kreativen Schaffensprozess. „Besonders ist ganz einfach dieses entspannte, kreative Flair“, schwärmt Ludwig und fährt fort, dass zum Rundgang vor allem der Austausch auf Augenhöhe zwischen Kunstinteressierten, Kunstsammler*innen und Künstler*innen stattfindet.

    Dem stimmt auch der Leipziger Maler Tino Geiss zu. Der 40-Jährige wird mit der Einzelausstellung VERLORENE FORM in der Galerie The Grass is Greener zu sehen sein. Seine räumlich figurativen sowie abstrakten malerischen Collagen und collagierten Malereien entstehen in seinem Atelier am Eingang des Spinnereigeländes, welches er als großen Luxus für sein Schaffen schätzt. „Nirgends findet man in Leipzig so eine großartige Kunst-Infrastruktur wie hier, wo Schaffende, Interessierte, Galerist*innen und Kaufende sich begegnen, ohne dass es erzwungen wirkt.“ Ihn bewegt das Zusammenspiel des alten DDR-Industriegeländes mit den zeitgenössischen Ateliers, in denen stetig Kunstwerke produziert werden.

    Geiss’ Atelier ist ein außergewöhnlicher Hingucker. Zwischen den Staffeleien klebt überall Klebeband, lange Streifen, kurze Streifen und eingerissene Fetzen, – kurzum in allen Farben bemaltes Malerkrepp. Auf den ersten Blick mag es so aussehen als hätte Geiss das Kreppband einfach nur an die Wand geklebt, um sich dessen zu entledigen, aber die Streifen sind eines seiner Arbeitsmaterialien. „Das Klebeband, eigentlich Abfallprodukt der Malerei, verwende ich weiter, so ist es als Ausgangsmaterial für die Collage dann bereits vorhanden.“, erzählt Geiss. „Schneiden, reißen und cutten“, so sagt er, „sind destruktive Tätigkeiten.“ Das Motiv stellt sich somit durch die Zerstörung in seinen Grundsätzen infrage. Dabei kann unter Umständen auch etwas Neues, Spontanes und Ungeplantes entstehen. „Die Kunst ist der Spiegel der Gesellschaft und der Künstler ist Seismograph, der Energien wahrnimmt und Dinge aufzeigt, die die Gesellschaft vielleicht noch nicht wahrgenommen hat“, bemerkt Geiss. Die Bilder von Geiss sind deshalb so erfrischend, weil sie Lust darauf machen, nachzudenken und die eigene Wahrnehmung auch zu hinterfragen.

    Atelier von Tino Geiss in der Baumwollspinnerei

    Tino Geiss klebt seine unzähligen Streifen erst einmal an die Wand.

    Das sind Attribute, die bei dem letzten Spinnereirundgang im Sommer in nur wenigen Galerien zu finden waren. Der vorauseilende Hype mancher Bilder oder verheißungsvoller Galerien bringt nicht oft die Bestätigung mit sich. Es ist wichtig, dass die Kunst noch in der Mitte der Gesellschaft ihren Platz einnehmen kann und dort auch akzeptiert wird. Die Tendenz zur exklusiven Kunst lässt den Diskurs ergrauen und setzt das noch übrig gebliebene Produkt auf ein goldenes Podest. Um das zu verhindern, sollte sich jede*r sich zum Rundgang ein eigenes Bild von den verschiedenen Kunstwerken machen und ebenso den Mut haben, etwas großartig zu finden, wie etwas nicht verstehen zu können.

    Der Rundgang als ein fest etabliertes Ereignis lädt dabei alle Interessierten ein. Hier wird ein freier, diverser und bewusster Diskurs angeregt, der versucht, offene Fragen mit Kunst beantworten oder pointieren zu können. Übrigens ist die am häufigsten gestellte Frage zum Rundgang: „Wo sind die Toiletten?“ Ein Manko der örtlichen Infrastruktur.

    Der Winterrundgang findet am Samstag, den 12. Januar von 11 bis 20 Uhr statt.

    Fotos: Ingmar Stange

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