• Film
  • Colette, Colette, Colette!

    Sophie Goldau

    Gelungene Hommage an eine französische Literaturikone des 20. Jahrhunderts: Das Drama „Colette“ ist eine Befreiungsgeschichte mit starken Frauen.

    Man nehme Keira Knightley, stecke sie in ein Korsett und lege ihr ein Drehbuch für einen historischen Film vor – an dieses Erfolgskonzept haben sich schon viele Regisseure gehalten. Und doch unterscheidet sich „Colette“ in mindestens einem Punkt von ihren bisherigen Kostümfilmen: Das Korsett trägt Knightley nicht besonders lange.

    1893: Sidonie-Gabrielle Colette (Keira Knightley) heiratet den Autor und Salonlöwen Henry-Gauthier-Villars, kurz Willy (Dominic West), und zieht vom Land in die Pariser Großstadt. Willy erkennt Colettes schriftstellerisches Talent und macht sie prompt zu einer seiner Ghostwriter. Unter seinem Namen veröffentlicht sie die halbautobiografische „Claudine“-Reihe, die im Handumdrehen zum Erfolgsschlager wird. Doch schon bald leidet Colette unter ihrem untreuen Ehemann und der fehlenden Anerkennung. Was folgt ist die Geschichte einer Frau, die sich aus der Unterdrückung durch ihren Mann zu befreien versucht und sich gegen die Regeln der Gesellschaft aufbäumt.

    Das Leben der französischen Schriftstellerin, Varietékünstlerin und Journalistin Sidonie-Gabrielle Colette versprach schon lange eine erfolgreiche Verfilmung – nun thematisiert Regisseur Wash Westmoreland („Still Alice“) in seinem Biopic „Colette“ einen kleinen Teil: die Verwandlung vom Mädchen vom Lande zur Frau von Welt. Colette entdeckt ihre sexuelle Neigung zu Frauen, wird schlagfertiger und schreibt in ihren Büchern über die frivolen Abenteuer eines Schulmädchens, womit sie Frauen im ganzen Land eine Stimme gibt. Und doch schafft sie es lange Zeit nicht, sich aus der Unterdrückung durch Willy gänzlich zu befreien. Als Zuschauerin will ich förmlich aus dem Sitz aufspringen und zur Leinwand rufen: „Verlass ihn endlich!“ Doch der Film gibt diesem Prozess der Emanzipation genug Zeit, sich nachvollziehbar zu entwickeln.

    Willy lässt sich für Colettes Bücher feiern.

    Als 20-jährige Colette wirkt Keira Knightley (33) mit ihren zwei geflochtenen Zöpfen anfangs etwas fehl am Platz, doch so wie Colette in die unabhängige Frau wächst, so wächst auch Knightley in ihre Rolle hinein und verleiht ihr den Witz und Scharfsinn, für die die echte Colette bekannt war. Es wird das Bild einer Gesellschaft gemalt, in der lesbische Liebe modisch, aber als öffentliche Beziehung untragbar ist; in der freches und sexuell freizügiges Verhalten fiktiver Frauenfiguren gefeiert, aber in der Realität nicht geduldet wird. Die Frauen in diesem Film zeigen, dass sie diese Doppelmoral leid sind. Denise Gough verkörpert Mathilde „Missy“ de Morny, die auf Frauen steht und Anzüge trägt, während das Tragen von Hosen für Frauen noch strafbar war. Und auch Colettes Mutter, Sido (Fiona Shaw), rät ihrer Tochter zur Scheidung, weil sie mehr Potenzial in ihr sieht, als nur die Frau an der Seite eines Mannes zu sein.

    Doch auch Willy wird vielschichtiger dargestellt als ein bloßer Antagonist: Er ist charismatisch und auf seine Art liebevoll, sodass ich zwar verstehen kann, warum Colette ihn überhaupt geheiratet hat, ihm aber nicht seine Lügen und Untreue verzeihe (welche er übrigens damit rechtfertigt, dass er nun mal „dem schwächeren Geschlecht“ angehöre).

    Persönlich hätte ich gerne ein wenig mehr Einsicht in Colettes Werke gehabt, die berühmt geworden sind für die Enttabuisierung der Sexualität der Frau und der Kritik an Ehe und Geschlechterfragen. Aber es geht eben eher um Colettes Ehe und weniger um die Zeit danach, und das ist in diesem Film voll und ganz gelungen. In Zeiten von #MeToo ist das Thema genauso aktuell wie noch vor 100 Jahren.

    In den Kinos ab 3. Januar 2019

     

    Fotos: Copyright Mars Films

    Verwandte Artikel

    Pass’ auf, dass du wirklich lebst!

    „Astrid“ ist eine Hommage an die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Für all diejenigen, die mit Ronja, Pippi und Michel aufgewachsen sind, ist der Film ein wahres Geschenk.

    Film | 5. Dezember 2018

    Lust als Leid

    Die Dokumentation „#Female Pleasure“ zeigt eindringlich die Unterdrückung der weiblichen Sexualität, die schwer zu ertragen ist. Der Mut der Hauptdarstellerinnen gib jedoch Grund zu hoffen.

    Film | 8. November 2018