• Kultur
  • Ein Raum für Debatte und Verstehen

    Nina Lischke

    Warte für Kultur und Debatte, ein neuer Kulturverein im Leipziger Osten, bietet einen Ort des Austauschs für junge Künstler und alle Interessierten.

    Unscheinbar liegt der „Klub der Kulturarbeiter“, eine vom Verein Warte für Kultur und Debatte genutzte Wohnung, in einem Seitenarm der Eisenbahnstraße. Direkt über dem Bistro 21 gelegen und auch vom gleichen Besitzer betrieben, dient dieser Raum verschiedenen Kleinkunstveranstaltungen.

    Der Treppenaufgang wird von Betonwänden mit abblätternder Farbe geziert, die knarrende Holztreppe ist sichtlich abgenutzt und hätte einen Anstrich dringend nötig. Alles wirkt ein wenig heruntergekommen, vergessen. Ein perfekter Ort für künstlerische Verwirklichung.

    Die Warte hat sich neben Lesungen und geführten Debatten auch von books without covers in Berlin inspirieren lassen und deren Konzept der „Vorlesebühne” aufgenommen. Schreibende können ihre Texte einsenden und die ausgewählten Werke werden beim OpenCall von einem Sprecher performt. Gleichzeitig zeichnet eine Künstlerin ein Bild, dessen Entstehung das Publikum am Overhead-Projektor mitverfolgen kann. Die Autoren dürfen unerkannt unter den Zuhörern weilen und die Reaktionen ihrer Mitmenschen in Ruhe beobachten, werden erst am Ende genannt und bekommen das gemalte Bild als Andenken überreicht.

    Neben Kamin, Zimmerpflanzen und einer altmodischen Stehlampe sammeln sich bequeme Sessel an kleinen Tischen. Der Nebenraum ist mit Stuhlreihen versehen, mit einem Couchtisch und Mikrofon: die Bühne. Auch hier bilden Betonwände eine liebevolle Einheit mit sich beharrlich daran festklammernden Farbresten. Alle Räume sind erfüllt mit lebendigen Gesprächen. Hier sind junge Menschen zusammengekommen, die bei Kunst und Kultur mitreden, sich inspirieren und neu kulturhorizontieren lassen wollen.

    Glühweinduft wabert durch die Zimmer und während es immer voller wird, die Unterhaltungen tiefer gehen, ertönt ein lauter Gong aus dem Bühnenraum. Heute findet eine Lesung zum Thema „Kurdistan“ mit den beiden Autorinnen Ronya Othmann und Luna Ali statt. Beide studieren am Literaturinstitut der Universität Leipzig, beide geben mit ihren Texten Einblicke in den Konflikt zwischen Kultur, Nationalität, Identität. Was bedeutet es, in Deutschland aufzuwachsen, doch das Exil der Eltern quasi vererbt zu bekommen? Was ist Heimat, was Fremde? Und welche Rolle spielt Kurdistan – als Herkunftsland, Konfliktfeld oder Utopie? Mit fiktionalen wie essayistischen Texten verarbeiten die Autorinnen Eindrücke, Erfahrungen und Überlegungen und regen die Zuhörenden zum Nachdenken, Nachfühlen an. Die Lesung wird musikalisch von der Cellistin Anna Kolba begleitet und unterstreicht die aus den Werken hervorgehende Stimmung. In einem abschließenden Gespräch reden Ronya und Luna über ihre Herangehensweise an verschiedene Texte, das Handwerk des Schreibens und die Kurdistan-Problematik.

    Kulturverein Warte im Leipziger Osten

    Anschließende Debatte mit den Autorinnen (Foto: Nina Lischke)

    Die Warte für Kultur und Debatte stellt neben dem Austausch von Künstlern das Verstehen-Wollen des Gegenübers in den Mittelpunkt. Der Verein tritt der finanziellen Geringschätzung künstlerischer Darbietungen entgegen. „Die Künstler werden von uns bezahlt, wir übernehmen neben der Abendgage auch Anfahrt und Unterkunft. Dafür geht der größte Teil der Mitgliedsbeiträge drauf, es bleibt nie etwas übrig“, sagt Lena Knape, die sich um die Finanzen kümmert. So werden auch junge, unbekanntere Künstler gebührend honoriert.

    Wie kam es eigentlich zu der Idee, so einen Verein zu gründen? Lena lacht. „Das ist eine gute Frage. Ein paar Freunde von mir hatten schon länger die Idee. Wir haben uns im Ethnologie-Seminar kennengelernt und irgendwie hatten alle total Lust dazu. Dann haben wir es einfach gemacht“. Vier Leute also zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Alle arbeiten ehrenamtlich und mit höchster Motivation. Die ist auch spürbar, denn obwohl der Verein erst seit einem Jahr besteht, hat er schon einen treuen, kleinen Publikumskreis angezogen. „Wir wollten eigentlich ganz langsam anfangen und noch gar nicht so viel machen, wie wir es gerade tun“, gesteht Moritz. Er scheint selbst ein wenig überrascht von der schnellen Entwicklung. „Aber es läuft einfach.“ Gibt es eine Vision? „Irgendwann mal auch in anderen Städten vertreten sein“, sagt Lena und lacht. „Aber erst einmal müssen wir hier richtig ankommen.“

    Wer ein Event der Warte besucht, wird mit einem kleinen Betrag automatisch Mitglied im Verein. Entweder begrenzt auf 31 Tage oder gleich als Vollmitglied, je nach Vorliebe.

     

    Titelbild: Warte e.V.

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