• Kultur
  • Zweite Chance für die Muttersprache

    Sophie Goldau

    Eine studentische Initiative organisiert einen Kurdisch-Kurs für Anfänger an der Universität Leipzig, der vor allem von Muttersprachlern genutzt wird und Sprache über Politik stellt.

    An der Universität Leipzig findet derzeit ein Sprachkurs für die kurdische Sprache Kurmancî statt. Von den drei Hauptdialektgruppen des Kurdischen, zu denen außerdem noch Sorani (Zentralkurdisch) und Südkurdisch gehören, ist Kurmancî (Nordkurdisch) die am weitesten verbreitete Sprache, 65 Prozent aller Kurd*innen sprechen sie. Ethnologiestudent Philipp und Muttersprachler Rahmet haben die Initiative ins Leben gerufen. „Unser Ziel ist es, langfristig eine Lehr- und Lernmöglichkeit des Kurdischen in Leipzig zu etablieren“, betont Philipp, der sich im Voraus um Formalitäten und Werbung gekümmert hat. Durch eine Kooperation mit dem Fachschaftsrat für Afrikanistik und Orientalistik (FaRAO) konnte er die entsprechenden Räumlichkeiten anmieten. Die Teilnehmer*innen des Kurses wollen bis Ende Januar die Niveaustufe A1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER) erreichen, im Sommersemester soll dann der A2-Kurs folgen.

    Kurdisch-Sprachkurs- Großes Interesse - Teilnehmende des Kurses

    Der Kurdisch-Sprachkurs stößt auf großes Interesse.

    Die Zahl der in Leipzig lebenden Kurd*innen schätzt Philipp auf mehrere Tausend. Die genaue Größe des kurdischen Volkes ist allerdings schwer zu erfassen, da es keinen Nationalstaat gibt. Die Hauptsiedlungsgebiete befinden sich in Teilen der Türkei, des Iraks, sowie des Irans und Syriens. Zusammen bilden sie das Hauptsiedlungsgebiet „Kurdistan“. Seit Jahrzehnten gibt es Konflikte zwischen den Kurd*innen und den autonomen Staaten, in denen sie leben, vor allem in der Türkei. Somit gab es auch lange Zeit eine Unterdrückung der kurdischen Sprache.

    „Ich finde die Geschichte und Kultur der Kurden sehr spannend, aber heutzutage wird das leider von politischen Konflikten überschattet. Daher steht die Sprache im Mittelpunkt des Kurses“, erklärt Philipp. Sein Interesse kam vor allem durch sein Studium, außerdem ist seine Partnerin türkeistämmige Kurdin. Sie hat die Sprache aber nie richtig gelernt. „Der persönliche Bezug sensibilisiert einen auf jeden Fall, sich einzusetzen und Anerkennung zu schaffen“, meint Philipp. Nun nehmen beide gemeinsam am Kurs teil.

    Kurdische Lernmaterialien

    Anerkennung schafft Philipp zudem mit dem Projekt „AG Kurdistan“ an der Universität. Er führt dabei verschiedene Projekte zur Türkei und den kurdischen Regionen durch. So hielt zum Beispiel taz-Journalistin Sibel Schick einen Vortrag über die Frauen- und LGBT-Bewegung in der Türkei. Viele der Veranstaltungen handeln von aktuellen politischen Fragen, aber auch die Aufklärung über das Kurdische im Allgemeinen wird thematisiert, so zum Beispiel in einem Vortrag über den Begriff „Kurdisch“ im Rahmen der Kritischen Einführungswochen.

    Die ursprüngliche Idee für den Sprachkurs kam jedoch von Rahmet. Der Muttersprachler hat in Göttingen Iranistik mit Schwerpunkt Kurdologie studiert und bestreitet nun ehrenamtlich seine erste Tätigkeit als Lehrer. Im Unterricht improvisiere er methodisch, sodass die Didaktik etwas auf der Strecke bleibe. „Aber vielleicht gerade deswegen und weil die Teilnehmenden so motiviert sind, entsteht eine sehr lockere Atmosphäre“, berichtet Rahmet.

    Shahin und Philipp übernehmen den Unterricht.

    Für dieses Semester gab es 22 Interessent*innen. Das seien viel mehr als im Sommersemester, als Philipp und Rahmet erstmals den Kurs anboten. Viele der Teilnehmer*innen sind kurdisch, haben die Sprache aber nie oder nur begrenzt gelernt. Philipp erklärt: „Wir wollen Partizipationsmöglichkeiten schaffen und natürlich auch eine Pluralität in Leipzig fördern.“ Shahin ist einer davon, er hat seine Muttersprache nur zuhause gelernt, wobei die Grammatik auf der Strecke geblieben ist. Er habe sich aber schon enorm verbessert: „Vielleicht kann ich auch irgendwann als Lehrer einen Kurs übernehmen.“ Da Rahmet sich an diesem Tag verspätet, übernimmt Shahin spontan. Er stellt sich souverän vor die Klasse und beginnt mit Philipp, einen Dialog vorzutragen. Anschließend übersetzt er die einzelnen Sätze und hilft den anderen bei der Übung, bis Rahmet eintrifft und Shahin, zumindest vorerst, wieder zum Schüler wird.

    Auch wenn es im Sommersemester mit dem A2-Kurs weitergeht, wollen Philipp und Rahmet nochmal einen Kurs für Anfänger*innen anbieten. Wann das wieder möglich ist, sei aber aufgrund fehlender zeitlicher und räumlicher Kapazitäten noch unklar. Philipp wünscht sich „eine Institutionalisierung der Sprache, zum Beispiel durch Etablierung eines Kurdisch-Moduls am Orientalischen Institut“.

     

    Fotos: Sophie Goldau

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